Netzwerk Arbeit und Inklusion – Zwischenstand eines Erfolgsmodells

Inklusion
Freitag, 25 Januar 2019 10:12

Das Netzwerk Arbeit und Inklusion Mittleres Ruhrgebiet ist ein vom BMAS gefördertes Projekt, das zum Ziel hat, einerseits Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren und andererseits den Unternehmen des allgemeinen Marktes die nötige Beratung in allen Fragen rund um die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu bieten. Durchgeführt wird das Projekt vom Evangelischen Verbund Ruhr (EVR) in enger Kooperation mit der Agentur für Arbeit in Bochum. Bereits 2017 berichtete contec über das Projekt und dessen Zielsetzung. Nun ist ein guter Teil der Projektlaufzeit vergangen und es ist an der Zeit zu fragen: Wo steht die Netzwerkarbeit? Marie Kramp, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, traf die beiden Inklusionskoordinatoren Hasan Oktay und Andreas Pauls vom EVR sowie Volker Aengenheister, der das Projekt auf Seiten der Agentur für Arbeit begleitet.

Das Herzstück Ihrer Arbeit, die Homepage inklusive Stellenbörse, ist nun seit gut einem Jahr online. Wie viele Menschen mit Behinderung konnten Sie seitdem in Arbeit vermitteln?

Andreas Pauls: Wir sind jetzt auf dem Soll, das im Projektplan festgeschrieben wurde. Mit 43 vermittelten Menschen mit einer Schwerbehinderung ist das deutlich mehr als die Hälfte der angestrebten Zahl von 60 Menschen bis Projektende im September 2019. Tatsächlich lief das Ganze zu Beginn des Jahres etwas schleppend an, wir konnten nur wenige Menschen direkt vermitteln. Und plötzlich war das Eis gebrochen, sodass wir mittlerweile optimistisch sind, die gewünschte Zahl von 60 sogar noch zu überbieten.

Hat sich an der Zusammensetzung des Netzwerkes etwas geändert? Haben Sie neue Partner gewinnen können?

Volker Aengenheister: Ja, erfreulicherweise hat niemand das Netzwerk verlassen, dafür hat sich uns die  Knappschaft Bahn See, Träger der deutschen Rentenversicherung angeschlossen. Das ist maßgeblich der Initiative rehapro zu verdanken, einem Modellvorhaben zur Stärkung der Rehabilitation der RV Bund.

Und wie ist Ihr Eindruck, trägt die Aufklärungsarbeit Früchte?

Volker Aengenheister: Auf jeden Fall. Gerade die Netzwerktreffen zwei Mal im Jahr zeigen deutlich, dass das Angebot zu mehr Interesse an der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung führt. Arbeitgeber aller Branchen nehmen das Beratungsangebot an und es besteht auch der Wunsch, dass dies in irgendeiner Art weitergeführt wird.

Bei unserem letzten Gespräch standen Sie noch relativ am Anfang des Projektes und waren sicher, dass Sie mit dem Thema Job Carving nicht in Konkurrenz zu den Werkstätten für Menschen mit Behinderung treten würden. Wie läuft hier die Zusammenarbeit? Gibt es überhaupt eine?

Andreas Pauls: Jein. Auf verschiedenen Ebenen kooperieren wir natürlich. Es gibt immer Menschen in den Werkstätten, die den Schritt in den allgemeinen Arbeitsmarkt machen wollen und auch können. Da stehen die WfbM niemandem im Wege und suchen durchaus unsere Unterstützung oder die des Integrationsfachdienstes hinsichtlich offener Stellen oder der Vertragsausgestaltung. Andersherum stellen wir auch manchmal fest, dass ein Mensch eben doch so hohen Unterstützungsbedarf hat, dass er in dem geschützten Rahmen der Werkstatt vielleicht besser aufgehoben ist.

Volker Aengenheister: Aber grundsätzlich verfolgen die Werkstätten und das Job Carving unterschiedliche Ziele. Die Werkstätten setzen verstärkt auf Außenarbeitsplätze und Integrationsbetriebe, was schön ist, weil es eben ein verlängerter Arm des geschützten Raumes ist. Wir aber möchten den einen Schritt weitergehen und Menschen eben in den ersten Arbeitsmarkt integrieren. Insofern bleibt es dabei, dass das Projekt in keiner Konkurrenz zu den Werkstätten steht, sondern da, wo es möglich ist, mit ihnen kooperiert.

Hasan Oktay: Gemeinsam mit der Werkstatt Constantin laden wir vom Netzwerk Arbeit und Inklusion beispielsweise zu einem Turbo-Breakfast mit der Wirtschaftsentwicklung Bochum ein, bei dem unsere Beratung konkret vorgestellt werden soll. Im Sinne des Menschenwohles wird im Einzelfall geschaut, welche Beschäftigungsart sinnvoll ist. Es geht keinesfalls darum, den Werkstätten ihre Existenzberechtigung abzusprechen.

Und wie läuft die Vermittlung im Rahmen des Job Carvings ab? Gibt es Standardabläufe?

Andreas Pauls: Am Anfang steht immer ein erstes Gespräch zum Kennenlernen. Und dann hängt es davon ab, mit welcher Ausgangslage wir im Einzelfall starten. Manchmal kommen Bewerbende mit einer Stellenanzeige, die sie selbst recherchiert haben, manchmal kurbeln wir unser eigenes Netzwerk an. Dann gehen wir in Kontakt mit dem potentiellen Arbeitgeber und unterstützen den oder die Bewerbende bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen und der Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch. Da unsere Klientel aber so individuell in den Ansprüchen und den Erwartungen ist, aber auch in dem, was sie bereits mitbringen, ist jeder Fall einzigartig.

Hasan Oktay: Das ist auch das Schöne an unserem Projekt. Manchmal stehen wir einfach nur als Vermittler dazwischen und Menschen, die bei uns Hilfe suchten, schaffen es daraufhin, sich sozusagen selbst zu vermitteln. Das ist ein schönes Beispiel für Hilfe zur Selbsthilfe und damit ganz in unserem Sinne.

Gibt es ein besonders gelungenes Beispiel?

Hasan Oktay: Es gibt einige. Z.B. konnten wir einen hörgeschädigten jungen Mann in die Ausbildung zum KFZ-Mechaniker vermitteln. Der Arbeitgeber ist sehr engagiert und behandelt all seine Auszubildenden gleich, er weiß: man muss alle jungen Menschen in der Spur halten, dann läuft es – auch mit einem Handycap. Für die Ausbildung wurden entsprechende Hilfsmittel zur Verfügung gestellt.

Andreas Pauls: Dieses Beispiel zeigt auch, dass die direkte Beratung interessierter Arbeitgeber viel effektiver ist als eine allgemeine Beratung, die man den Firmen sozusagen aufschwatzt. Die meisten sind dann erstmal interessiert und im Endeffekt verläuft es dann doch oft im Sande. Deshalb geht es für uns eher darum, unser Beratungsangebot so bekannt wie möglich zu machen, damit die Firmen zu uns kommen. Wir haben mittlerweile Werbeflächen in der Bochumer U-Bahn und auf einem Bus der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn AG.

Ein paar Monate haben Sie nun noch, die das Projekt offiziell läuft. Wie geht es dann weiter? Ist eine Verlängerung in Aussicht?

Volker Aengenheister: Nein, eine Verlängerung in diesem Rahmen wird es nicht geben, das schließen die Projektrichtlinien leider aus. Aber da das Angebot so gut angenommen wird und Erfolge erzielt, sind wir von der Bundesagentur für Arbeit sehr daran interessiert, dass die Beratung in irgendeiner Weise fortgeführt wird. Konkrete Lösungen gibt es hier aber noch nicht.

Hasan Oktay: Hier kommt wieder das Thema Marketing ins Spiel. Wir möchten unsere Arbeit bekannt machen und so ggf. Unterstützung von außen bekommen. Pläne gibt es viele, aber wie wir es umsetzen können, bleibt bislang offen. Uns ist es zunächst auch wichtig, das Projekt erfolgreich zu Ende zu führen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei der weiteren Umsetzung!

Text: Marie Kramp

Birgitta Neumann

Birgitta Neumann contec

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