Advance Care Planning – eine Patientenverfügung mit Dynamik

Advance Care Planning
  • Dienstag, 24 Juli 2018 16:00
  • Drucken

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer ist Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Oldenburg, Lübeck und Wuppertal führt ihr Team eine Cluster-randomisierte Studie namens STADPLAN zur Umsetzung des Konzepts zu Advance Care Planning (ACP) in der ambulanten Pflege durch. ACP ist die dynamische Form der herkömmlichen Patientenverfügung und hat zum Ziel, gemeinsam im Dialog mit den Patientinnen und Patienten Behandlungswünsche für Situationen, in denen sie nicht mehr selbst entscheiden können, festzulegen. Im Interview verrät Gabriele Meyer uns die Hintergründe der Studie sowie den aktuellen Stand.

 

Frau Meyer, können Sie kurz das Konzept von Advance Care Plannig beschreiben? Inwiefern unterscheidet es sich von der klassischen Patientenverfügung?

Im Mittelpunkt des Konzepts zur vorausschauenden Planung von Pflege und Versorgung, also von ACP, steht der Gesprächsprozess. Die Patienten und Patientinnen sollen aktiv in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Dies geschieht durch einen stetigen Austausch der Betroffenen sowie deren Familien mit den Kolleginnen und Kollegen und Ärzten. Die Entscheidungsfindung ist also ein dynamischer Prozess, der auf Gesprächen basieren soll. Dabei geht es darum, strukturiert und reflektiert auf die Präferenzen und Werte der Patientin bzw. des Patienten einzugehen und auf Basis dieser eine Entscheidung über mögliche Behandlungsentscheidungen in Bezug auf lebensverlängernde Maßnahmen zu treffen. Durch die Regelmäßigkeit solcher Gespräche kann die individuelle Entscheidung der Patientinnen und Patienten natürlich immer wieder neu reflektiert und angepasst werden. Den Betroffenen und den Familien wird die Möglichkeit gegeben, sich vertieft mit dem Thema der aktiven Gestaltung der letzten Lebensphase auseinanderzusetzen und so eine gute, auf ihn zugeschnittene und vorausschauende Planung festzulegen. Das ist das Besondere an Advance Care Planning. Im Gegensatz dazu steht die ‚herkömmliche‘ Patientenverfügung. Diese kann natürlich auch im ‚stillen Kämmerlein‘ ausgefüllt werden, der Patient muss in keinen Gesprächsprozess involviert sein. An dieser Stelle ist dann auch keine Möglichkeit der Reflektion gegeben, die Patientin bzw. der Patient kann sich nicht vertieft mit der Fragestellung auseinandersetzen, um so eine gute vorausschauende Planung festzulegen. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob den Patientinnen und Patienten bewusst ist, welche Konsequenzen verschiedene Festlegungen für sie haben und ob sie wissen, wie detailliert diese erfasst werden sollten.

 

Ist Advance Care Planning in Deutschland bereits Teil der Praxis geworden oder schwirrt es eher als Forderung im Raum, die die Beteiligten kaum umsetzen können?

Bereits 2009 ist das Patientenverfügungsgesetz in Kraft getreten, worin auch die Patientenpräferenzen verbindlich verankert sind. Natürlich ist Advance Care Planning irgendwie bekannt und wird auch hin und wieder mal in den Fachmedien kommuniziert. Trotz alledem – oder gerade deswegen – haben lediglich 3-10% aller Patientinnen und Patienten in Deutschland eine Patientenverfügung. Dabei ist es vor allem in Pflegeheimen möglich, das ACP-Programm systematisch einzuführen. Teilweise sind entsprechende Prozesse bereits eingeführt. Aber auch hier wissen wir, dass nur etwa 20% der Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner eine Patientenverfügung haben. In der ambulanten Pflege hingegen ist das ACP-Konzept noch nicht verankert.

 

Was macht eine professionelle, vorausschauende Versorgungsplanung in der häuslichen Versorgung älterer Menschen im Gegensatz zur stationären Versorgung besonders aus?

In der ambulanten oder häuslichen Versorgung müssen sich die Betroffenen sowie ihre Angehörigen besonders mit der Fragestellung auseinandersetzen, ob die letzte Lebensphase in einem Pflegeheim oder einer institutionalisierten Wohnform verbracht werden soll, oder ob der Wunsch und die Möglichkeit besteht, dass der oder die Betroffene zuhause bleiben kann. Im Vordergrund steht hier natürlich das Anliegen der betroffenen Person. Da in der eigenen Häuslichkeit kein vergleichsweise direkter Zugang zu medizinischer Leistung gegeben ist, muss hier mehr über die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und deren Zugang ‚verhandelt‘ werden, um beispielsweise unerwünschte Krankenhauseinweisungen zu vermeiden.

 

In dem Projekt STADPLAN möchten Sie ein für die häusliche Pflege adaptiertes Konzept von ACP entwickeln und anschließend in der Praxis überprüfen. Wie gehen Sie dabei vor?

Wir führen eine sogenannte Cluster-randomisierte kontrollierte Studie mit Pflegediensten aus Oldenburg, Lübeck und Halle durch. In unserem Projekt möchten wir die teilnehmenden Pflegedienstmitarbeitenden zu Begleiterinnen bzw. Begleitern der gesundheitlichen Versorgungsplanung in der ambulanten Pflege, kurz: BEVAS, weiterbilden. In dem 2-tägigen Schulungsprogramm bekommen die Teilnehmenden ausführliches Infomaterial zur ambulanten Umsetzung von Advance Care Planning. Sie werden zum einen angeleitet, Patientinnen und Patienten für die Patientenverfügungen und Vertretervollmachten zu sensibilisieren und zu informieren. Darüber hinaus lernen sie, grundsätzliche Werte und Einstelllungen mit den Betroffenen zu reflektieren und vor allem dazu anzuregen, dass die Betroffenen mit ihren Angehörigen und anderen wichtigen Personen darüber reden. Durch unser Programm und dieses spezielle Training sollen die BEVAS lernen, mit den Patientinnen und Patienten ins Gespräch zu kommen, viel wichtiger ist es aber, dass sich sowohl die Mitarbeitenden als auch die Betroffenen mit diesem wichtigen Thema der vorausschauenden Planung im Alter auseinandersetzen. Unser primäres Ziel ist es daher nicht, dass sich die Anzahl der Patientenverfügungen erhöht – wir möchten durch unser Projekt die Betroffenen in diesen wichtigen Prozess und in das Thema einführen. Noch immer stehen seitens der Betroffenen viele unausgesprochene Fragen und Ängste im Raum. Wir möchten mögliche Missverständnisse aufklären. Im Gegensatz zu den in den Heimen bereits erprobten Ansätzen werden die Ärzte nur noch mittelbar in den Prozess involviert sein. In der ambulanten Pflege haben wir daher ein auf unsere Ziele angepasstes Programm entwickelt.

 

Das Projekt läuft noch bis 2021, können Sie etwas zum aktuellen Stand sagen?

Mittlerweile haben wir alle Vorarbeiten so gut wie abgeschlossen. Unsere Planungszeit hat etwa ein Jahr beansprucht, das ist aber ganz normal bei so einem großen Projekt. Uns war bewusst, dass bevor das Projekt richtig starten kann, intensive Vorbereitungen vorgenommen werden müssen. Die Planungen unserer Pilotstudie, an der je zwei Pflegedienste in Oldenburg und Halle teilnehmen werden, sind abgeschlossen. Sie kann also in Kürze starten. In der Pilotstudie möchten wir überprüfen, ob unser Vorhaben und die geplante Datenerhebung machbar und ob die Fallzahlen realistisch sind. Danach beginnen wir zeitig mit unserer ‚Hauptstudie‘.

 

Apropos‚ Fallzahlen‘: wie groß ist die Fallzahl Ihrer Studie?

An unserer Studie sollen insgesamt 32 Pflegedienste teilnehmen: 16 als Interventionsgruppe und 16 in der Kontrollgruppe mit jeweils 30 Patienten. Wir beabsichtigen also, insgesamt 960 Patientinnen und Patienten in unsere Studie einzuschließen. Vergleichsweise große Studien in der ambulanten Pflege sind rar. Ob die geplante Zeit und das Programm der Studie so umsetzbar sind, wird sich in der Pilotstudie dann zeigen.

 

Erwarten Sie Schwierigkeiten, das Konzept in den Pflegealltag zu etablieren, wo doch ohnehin schon so wenig Zeit bei den PatientInnen zur Verfügung steht?

Unser Konzept kann so natürlich nicht in den typischen Ablauf der ambulanten Pflege übernommen werden, es ist also sozusagen ein ‚Add-On‘. Das ist uns klar und deswegen haben wir eine zusätzliche Bezahlung für die teilnehmenden Pflegenden vorgesehen. Falls unser Projekt erfolgreich ist und das Konzept von den Pflegediensten zukünftig eingeführt wird, soll die zusätzliche Leistung natürlich auch zusätzlich vergütet werden.

 

Frau Meyer, verraten Sie mir noch zum Abschluss, was Sie sich nach Ende des Projektes im Idealfall wünschen.

Wir sind mit unserer Studie noch recht am Anfang und haben alle Vorbereitungen so langsam abgeschlossen. Die Planungsphase ist ganz entscheidend für den Erfolg der Studie, deswegen hat sie auch so viel Zeit in Anspruch genommen. Noch immer sind einige Fragen offen, aber ich erhoffe mir natürlich, dass wir die Ziele, die wir festgelegt haben, auch erreichen werden und dass das Projekt erfolgreich ist. Wir möchten mit dem Projekt darauf aufmerksam machen, wie wichtig das Thema ‚Vorausschauende Planung der letzten Lebensphase‘ ist. Diese sollte keinesfalls nur in der stationären Pflege erfolgen, sondern vor allem auch in der ambulanten Pflege. Ich erhoffe mir, dass Advance Care Planning künftig ein regulärer Bestandteil der ambulanten Versorgung ist.

 

Frau Meyer, vielen Dank für das Gespräch!

 

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer ist Mitglied des Programmbeirates des 3. Palliativ- und Hospizsymposiums der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg und wird dort einen Vortrag zum Thema „Definitionsansätze der Pflege- und Versorgungsqualität in der Palliative Care – Worauf kommt es an?“ halten. Aus der Oldenburger STADPLAN-Arbeitsgruppe wird Frau Rieke Schnakenberg an dem Workshop Nr. 4 zu „ACP in der häuslichen Begleitung alter und schwerstkranker Menschen“ beteiligt sein. Das 3. Palliativ- und Hospizsymposium findet am 19. September 2018 in der Johanniskirche in Magdeburg statt.

Weitere Informationen zum 3. Palliativ- und Hospizsymposium Magdeburg, zu der Anmeldung  und  zu dem Programm finden Sie hier.

Text: Ewa Kulas, Projektassistentin.