Buurtzorg: Das niederländische Modell im Praxischeck

Buurtzorg

Am Freitag, den 29. Juni kamen in der Aesculap Akademie am Gesundheitscampus in Bochum rund 70 interessierte Branchenvertreter und -vertreterinnen beim contec-Seminar „Buurtzorg – Mit Nachbarschaftsnetzwerken moderne Versorgungsstrukturen gestalten“ zusammen. Gunnar Sander, Geschäftsführer der Sander Pflege GmbH und Pionier in der ambulanten Versorgung nach dem niederländischen ambulanten Pflegemodell Buurtzorg in Deutschland, stellte die Schritte zur Umstellung seines Pflegedienstes vor und beantwortete die mitunter kritischen bzw. skeptischen Fragen seiner Kollegen und Kolleginnen. Im Anschluss wurde mit Politik und Kostenträgern über die Möglichkeiten der langfristigen Finanzierung und Etablierung des Modells diskutiert. Der Tag zeigte: Die ambulante Pflege in Deutschland könnte vor einem Umbruch stehen.

 

Der Steve Jobs der ambulanten Pflege? Soziale Innovationen brauchen einen Antriebsmotor aus der Gesellschaft

 

In seiner Eröffnung hob Detlef Friedrich, Geschäftsführer der contec GmbH, den Stellenwert von sozialen im Vergleich zu technischen Innovationen hervor. Da sich in dem heutigen Pflegesystem der Frust bei Leitungen wie Fachkräften immer weiter ausbreite, seien vor allem soziale Innovationen gefragt. Mut zu neuen Ideen und deren Umsetzung, ohne immer nur auf den Gesetzgeber zu schielen, forderte Detlef Friedrich. So wie Apple mit dem Iphone die Handy-Branche revolutioniert hat, so kann man auch das Verdienst des Niederländers Jos de Blok, Gründer von Buurtzorg, für die Pflegebranche sehen. „Er ist der Steve Jobs der ambulanten Pflege“, so Friedrich. Das Modell gibt den Mitarbeitenden wieder mehr Autonomie, in dem es die Pflege und die Selbstbestimmung in den Mittelpunkt des Handelns der Mitarbeitenden stellt. Hierdurch entsteht neue Motivation, wie der Erfolg in Holland zeigt, der auch mehrere Jahre gebraucht hat, um zu überzeugen. Doch die Pflegenden haben mit den Füssen abgestimmt, so dass heute 10.000 Mitarbeitende in der ambulanten Pflege bei Buurtzorg arbeiten. „Es ist an der Zeit, dass die Branche selbst das Zepter in die Hand nimmt und mutig – in Kooperation mit den Kostenträgern – vorangeht und nicht erst auf gesetzgeberische Initiativen wartet, um Veränderungen herbeizuführen“, forderte Friedrich weiter.

 

 

Buurtzorg im Überblick: Selbstwirksamkeit durch autarke Teams, keine Hierarchien und zufriedene Mitarbeitende

 

In seinem Vortrag stellte Gunnar Sander das System Buurtzorg sowie sein Modellvorhaben in seinen Grundzügen vor. In den Niederlanden hat das 2007 von Jos de Blok gegründete Modell mittlerweile einen Marktanteil von über 40% und ist somit flächendeckend im Einsatz. Wiederkehrend wird Buurtzorg seit Jahren als bester Arbeitgeber gewählt. Buurtzorg zeichnet sich dadurch aus, dass es ausschließlich aus autark organisierten Pflegeteams besteht, die auch innerhalb der eigenen Reihen ohne Leitungsposition in einem Rollenmodell arbeiten. Jedes Teammitglied, ob Fachkraft oder PflegehelferIn, hat dasselbe Mitspracherecht. Die wesentliche Botschaft lautet: Es kommt nicht auf die Qualifikation an. Sich selbst zu organisieren und einen guten Job machen zu wollen, ist eine menschliche Eigenschaft. „Das Funktionieren eines so freiheitlich organisierten Teams setzt ein hohes Maß an Vertrauen voraus – in die Mitarbeitenden sowie in die Menschen überhaupt“, räumt Gunnar Sander auf kritische Nachfrage ein, ob die fehlende Führung nicht zu Anarchie führe.

 

Natürlich gibt es Ziele, die den Rahmen bilden – 3% Umsatzrendite sind zu erwirtschaften und eine 60%tige Auslastung zu erreichen. „Da die Teams selbst für die Finanzen zuständig sind, ist es überhaupt nicht in ihrem Interesse, willkürlich und unwirtschaftlich zu handeln.“ Ein sicher kritisch zu diskutierender Punkt ist die Frage nach der Gefahr der Selbstausbeutung. Hier verweist Sander auf der einen Seite auf den jeweiligen Aushandlungsprozess mit den Kunden und das unterstützende Hilfesystem. Hier können kreative Lösungen gefunden werden, wenn es mal eng wird. Neben der Möglichkeit, dass Teams sich untereinander aushelfen, wird derzeit in Holland auch an einem Springer-Pool gearbeitet, wenn es zu personellen Engpässen kommt. Die Diskussion mit den interessierten und teils skeptischen TeilnehmerInnen aus dem Plenum zeigte: Buurtzorg ist nicht nur die Umstellung eines Systems, es ist eine Mentalitätsfrage. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert“, hieß es aus dem Plenum. „Meine Pflegekräfte würden mich anschauen wie ein Auto, wenn sie jetzt auch noch die Tourenplanung, das Kassenbuch und Vorstellungsgespräche übernehmen müssten.“ Doch Gunnar Sander blieb standhaft: „Gerade die junge Generation möchte mehr Mitspracherecht und Verantwortung haben. Außerdem ist die Arbeitszeitaufteilung klar untergliedert: 60% abrechenbare Pflege und Arbeit am Menschen, 22% Fahrt- und Rüstzeiten, Teambesprechungen, Organisation und Netzwerkarbeit sowie 18% Abwesenheit für Urlaub, Krankheit, Feiertag und Fortbildung.“ Der Verweis auf unsere niederländischen Nachbarn spricht für sich: Dort ist von mangelnden Bewerbungen keine Rede und Mitarbeitende bei Buurtzorg verbleiben überdurchschnittlich lange in ihrem Job. Die Krankheitsrate liegt deutlich unter der von Pflegenden in Deutschland.

 

30% Kostenersparnis bei gleicher Qualität in der Versorgung

 

Der Kern von Buurtzorg – wie es die Übersetzung ‚Nachbarschaftssorge‘ andeutet – ist die Einbindung des persönlichen Umfeldes der Pflegebedürftigen in deren Versorgung, also Angehörige, aber auch Nachbarn. Bei jeder Neuaufnahme eines Patienten oder einer Patientin wird als erstes geschaut, wie man die Menschen oder ggf. ihr Umfeld befähigen kann, Tätigkeiten, die nicht zwangsläufig einer Pflegefachkraft bedürfen, selbst auszuführen. „Der Vorwurf, wir würden damit die professionelle Pflege wegdelegieren, ist so nicht haltbar. Natürlich gibt es Aufgaben, die nur eine erfahrene Fachkraft oder eine Pflegehelferin ausführen sollen und können, aber ob für jeden Kompressionsstrumpf wirklich ein eigener Einsatz nötig ist, das wage ich zu bezweifeln“, so Gunnar Sander. Deshalb gehört es auch als fester Bestandteil zu den Aufgaben der Buurtzorg-Mitarbeitenden, aktive Netzwerkarbeit zu betreiben, bei Nachbarn zu klingeln und bei Angehörigen anzurufen.

 

Die Software von Buurtzorg, basierend auf dem in den USA entwickelten OMAHA-System, erlaubt eine umfassende Information auch für die Angehörigen und in bestimmten Fällen – unter Wahrung des Datenschutzes – auch für behandelnde Ärzte. Sie ist durch die einfache Bedienung und den umfassenden Nutzen ein Kern des Systems, da sie nicht zu zusätzlicher überflüssiger Arbeit führt, sondern die Kommunikation und (Selbst)Steuerung der Pflegenden unterstützt. Die umfassende Datenauswertung und die wissenschaftlichen Studien zeigen, dass in den Niederlanden 30% der Versorgungskosten des Patienten eingespart wurden. Das Silosystem der Vergütung in Deutschland macht es natürlich schwierig, diese Einsparungen „mal eben“ so zu heben. Hier ist ein gemeinsamer Weg mit den Kassen aber auch dem Gesetzgeber zu entwickeln.

 

Da Sander für sein Modellvorhaben mit den Kassen einen Versorgungsvertrag abgeschlossen hat, der nicht Einzelleistungen abrechnet, sondern Stundenvergütungen, sollen durch eine wissenschaftliche Begleitung die Effekte für die Pflegebedürftigen aber auch für die Kassen analysiert werden – „eine Win-Win-Situation“, beteuert Sander. Die Zeit, die die Pflegenden bei den PatientInnen haben, sei Qualitätszeit und die Abkehr von den Pflegeleistungen als Produkt wird von Jos de Blok als „Abkehr von der industrialisierten Pflege“ bezeichnet. Pflegekräfte werden nach einem einheitlichen und transparenten Tarifvertrag bezahlt und durch die geringen Kosten der Overheadstruktur steht der Pflege mehr Geld und Zeit zur Verfügung.

 

Eine Utopie auf wackeligen Beinen? – Voraussetzungen zur Etablierung von Buurtzorg in Deutschland

 

Es gibt bei allen schönklingenden Resultaten aus dem Nachbarland einige Fakten, die eine flächendeckende Etablierung von Buurtzorg in Deutschland derzeit noch erschweren: In den Niederlanden arbeitet der größte Teil der Mitarbeitenden in Teilzeit, weil Vollzeit-Stellen die nötige Flexibilität in der Regel nicht hergeben. Hier haben wir in Deutschland gegenläufige Tendenzen. Auf Grund des Fachkraftmangels ist der Ruf nach mehr Pflegekräften höher. Der Gedanke, die möglichen Einsparungen in der Pflegezeit in höhere Entlohnung zu investieren ist uns im Moment eher fern.

Darüber hinaus gibt es natürlich viele rechtliche Herausforderungen. Vor allem die fehlende Pflegedienstleitung ist nach derzeitiger rechtlicher Grundlage nicht zulässig und bedarf individueller Verhandlungen. „Manchmal muss man erst handeln, und dann passen sich die Rahmenbedingungen an“, so Gunnar Sander. „Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Piloten-Teams und es wird sich zeigen, ob wir dieselben Erfolge erzielen können, wie in den Niederlanden. Unsere Ziele sind ambitioniert: Bessere Arbeitsbedingungen schaffen, eine höhere Ergebnisqualität beim Kunden zu hinterlassen sowie Kostenersparnisse zu erzielen.“ Aber Sander setzt großes Vertrauen in seine Teams und glaubt nicht, dass es an kulturellen oder mentalen Unterschieden scheitern wird. In der Diskussion beteuerte Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Barmer NRW und Mitglied des Vorstandes des vdek NRW, die Bereitschaft der Kassen, an Lösungen mitzuwirken, die eine Finanzierung solcher innovativen Geschäftsmodelle ermöglichen, er verwies aber auch auf die Notwendigkeit, mit den gesetzlichen Grundlagen hinterher zu ziehen, denn sonst würden sich Anbieter solcher Leistungen auf dünnem Eis bewegen. Susanne Schneider, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP Landesfraktion NRW, verwies darauf, dass schon stark an den bürokratischen Stellschrauben gedreht worden sei und auch in Zukunft das Interesse der Politik bestünde, alle Möglichkeiten zur Verbesserung der Pflege im Land in Erwägung zu ziehen. Für sie stellt aber der niedrigschwellige Einstieg in den Pflegeberuf eine der wichtigsten Maßnahmen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels dar.

Am Ende des Tages waren die Teilnehmenden sich einig, dass das Modell interessant ist, wie es in der Umsetzung funktionieren kann, blieb jedoch auch in den anschließenden Gesprächen eine grundsätzliche Frage. Gunnar Sander wird mit seinem Modellprojekt in den kommenden Monaten weiter durch Deutschland ziehen und von Stolpersteinen sowie Erfolgen berichten. Das große Interesse aber zeigte, dass die Bereitschaft der Branche, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, groß ist und dass auch Politik und Kassen sich dem Nachzug nicht verweigern. contec wird aufgrund der großen Nachfrage und des hohen Interesses an der Thematik auch weitere Veranstaltungen zu Fragen rund um die mögliche Etablierung und Finanzierung von Buurtzorg veranstalten. Bei Interesse sprechen Sie uns gern an.

Text: Marie Kramp