Sozialwirtschaft 4.0: Digitalisierung im Sozialwesen

Sozialwesen
  • Dienstag, 04 September 2018 10:27
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Neben seiner Tätigkeit im HORIZONT e.V. im Bereich Innovation und Digitalisierung in Nordhausen ist Thomas Rzepus CEO & Inventor des Projekts sociallook.net – Helfen 4.0. Außerdem ist er Dozent an der Hochschule in Nordhausen, wo er das interdisziplinäre Projekt „Digitalisierung der Sozialen Arbeit“ unterrichtet. Im Interview mit der contec GmbH gibt Herr Rzepus einen Überblick über die Möglichkeiten der Digitalisierung im Sozialwesen mit Hauptaugenmerk auf WfbM.

Herr Rzepus, wir schauen auf die Sozialwirtschaft 4.0. Was würden Sie sagen: Ist die Digitalisierung bereits in der Eingliederungshilfe angekommen?

Die Frage, ob die Digitalisierung in der Eingliederungshilfe bereits angekommen ist, würde ich ganz klar mit ‚ein bisschen‘ oder ‚jein‘ beantworten. Im Ernst, ein eindeutiges ‚ja‘ oder ‚nein‘ gibt es in diesem Fall noch nicht. Das volle Potential wird in der Praxis nur sehr selten ausgeschöpft.

Ich glaube, dass die Perspektiven und das Ausmaß der Digitalisierung in den einzelnen Werkstätten unterschiedlicher nicht sein könnten. Sicherlich finden mehr digitale Lösungen, z.B. Software, ihren Einsatz als dies noch vor einigen Jahren der Fall war, aber datengetriebene Dienstleistungen sind da wohl eher nicht dabei. Hier sollte wirklich ein sehr differenziertes Bild gezeichnet werden. Und der Einsatz von Software und die Bereitstellung einer IT-Infrastruktur hat leider nur sehr wenig mit der Digitalisierung insgesamt zu tun.

Es gibt durchaus einige Werkstätten für Menschen mit Behinderung, die die Vorteile der Digitalisierung bereits erkannt und ihre Prozesse dahingehend optimiert haben. Die Vorteile der Digitalisierung liegen ja ganz klar auf der Hand: viele Prozesse können digitalisiert und dadurch auch effizienter gestaltet werden, wenn diese denn vorhanden bzw. modelliert sind. Die Sozialwirtschaft steht angesichts der Digitalisierung jedoch noch vor einigen Herausforderungen. Wir müssen anfangen, das Thema fachlich zu durchdringen und die

Funktionalität der digitalen Möglichkeiten und Architekturen überhaupt erstmal verstehen. Sensibilisierung und Aufklärung stehen deshalb ganz oben auf der Agenda, gefolgt von Qualifizierung! Das ist auch der Grund, weshalb die digitale Transformation in unserer Branche nur so schleppend vorankommt und eher noch in den Kinderschuhen steckt.

Worin bestehen diese Herausforderungen?

Die Herausforderungen sind sehr breit gefächert. Man muss da bereits im Ausbildungskontext unserer zukünftigen SozialarbeiterInnen ansetzen.

Darunter fällt vor allem, das Thema Digitalisierung in den sozialwissenschaftlichen Studiengängen der Hochschulen und Universitäten zu lehren. Außerdem stellen nach wie vor viele ethische Fragen und auch der Datenschutz große Herausforderungen dar.

Fragen zur Verarbeitung und Sicherung der Daten sowie dem möglichen Angebot digitaler Dienste sind weiterhin noch ungeklärt. An dieser Stelle muss eine konkrete Strategie mit entsprechenden Maßnahmen entwickelt werden. Nach wie vor gibt es nur einige wenige positive Beispiele, bei denen die Digitalisierung im Sozialwesen angekommen ist.

Und an diesen Beispielen ist zu sehen, dass durchaus Potentiale und damit auch zukünftige Geschäftsfelder vorhanden sind. Insgesamt sind die Herausforderungen sehr vielschichtig und reichen von der Politik bis hin zum sozialen Dienstleister. Da haben wir in der Sozialwirtschaft definitiv noch einen weiten Weg vor uns und dieser ist weiter als in jeder anderen Branche.

Mit den Herausforderungen gehen ja auch Probleme und Risiken einher – worin sehen Sie diese genau?

Die Probleme und Risiken der Digitalisierung lassen sich natürlich von den eben beschriebenen Herausforderungen teilweise ableiten. Datenschutz, digitale Grundrechte, Privacy und so weiter.

Eines der größten Probleme ist aus meiner Sicht der Mangel an Fachwissen: es fehlt ganz klar an den notwendigen Kompetenzen, u.a. am Know-how zum E-Business bzw. der digitalen Wirtschaft, der Datenverarbeitung und -sicherung und der Datenanalyse, um nur einige zu nennen. Außerdem fehlt es teilweise noch an der Akzeptanz digitaler Dienste und der Bereitschaft, diese gar selbst zu entwickeln.

In Deutschland haben wir außerdem ein infrastrukturelles Problem – hier sei nur das Stichwort Breitbandausbau erwähnt. Meiner Meinung nach ist das eine politische Herausforderung, denn Deutschland hängt im europäischen Vergleich ziemlich hinterher. Ähnlich ist es mit der EDV, auch hier gibt es nach wie vor regionale Unterschiede. Um digital zu transformieren braucht es Wissen darüber, also entsprechende Qualifikationen und Kompetenzen, welche zum Aufbau einer Digitalstrategie genutzt werden können. Natürlich kann man sich das nötige Fachwissen auch einkaufen, das kostet dann nur entsprechend.

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, ob eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung diesen finanziellen Aufwand stemmen kann, möchte oder auch will. Meiner Meinung nach sind für die momentanen Möglichkeiten digitaler Dienste im Sozialwesen die technischen Voraussetzungen da, wir müssen sie nur richtig einsetzen. Die Zukunft wird natürlich die künstliche Intelligenz sein, deswegen müssen wir diese Technik für unseren Markt und unsere zukünftigen Dienstleistungen mitdenken. Davon profitieren alle – sowohl die Anbieter, als auch die Konsumenten.

Inwiefern? Welche Chancen sehen Sie für die Branche?

Die Digitalisierung tut etliche Chancen auf. Grundsätzlich sollte man alles, was neu ist, positiv angehen. Hier entscheidet das sogenannte „Mindset“, also die Haltung und Offenheit gegenüber der Digitalisierung.

Wir befinden uns in einem Prozess der digitalen Transformation. Die größte Chance ist meines Erachtens, dass wir diese 4. Industrielle Revolution aktiv begleiten und mitgestalten können!

Dabei kommt es darauf an, was ich an welcher Stelle wie digitalisieren möchte, also welche strategischen Ziele ich mit den neuen digitalen Technologien verfolge. Einerseits lassen sich durch die Einführung digitaler Prozesse die internen Arbeitsprozesse sowie die interne Kommunikation vereinfachen bzw. effizienter gestalten.

Was aber noch viel wichtiger ist: Dank neuer digitaler Möglichkeiten kann man als Unternehmen viel näher an die Lebenswelt der Menschen und somit der Kunden rücken. Unternehmen, auch oder vor allem in der Sozialwirtschaft, können viel einfacher mit der Zielgruppe in Kontakt treten und Informationen austauschen. Bereits an den wenigen Beispielen ist zu erkennen, dass die Digitalisierung definitiv Vorteile und einen enormen Mehrwert mit sich bringt.

Unsere Aufgabe ist es jetzt, sich mit der Digitalisierung sowie ihren Möglichkeiten auseinanderzusetzen und sich Gedanken zu machen, wie man als Unternehmen in der Sozialwirtschaft an die ganze Sache strategisch rangeht und die Vorteile für sich nutzt.

In der Zukunft kann und muss in dem ganzen System des Sozialwesens dahingehend noch mehr passieren. Ich wünsche mir, dass der technologische Fortschritt erkannt, verstanden und damit einen Anstoß für neue und vielfältige digitale Dienstleistungen gibt! Schließlich sind unsere Kunden bereits digital – warum sollten wir es dann nicht auch sein?

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Inwiefern wird sich die Arbeit digital verändern?

Ein großes Thema ist das E-Learning. Wir werden nicht mehr viel reisen müssen, um an Weiterbildungen teilzunehmen. Digitale Lernplattformen und Online-Seminare ermöglichen ein Lernen zu jeder Zeit und an jedem Ort. Vorausgesetzt man hat schnelles Internet!

Eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung zum Beispiel kann und sollte solche digitalen Methoden für sich nutzen. Insgesamt ist ein Bedarf an digitalen Innovation vorhanden – auch in der Sozialwirtschaft. An welcher Stelle die Digitalisierung und ihre potentiellen Dienstleistungen anknüpfen sollen, muss individuell strategisch durch die jeweilige Institution entschieden werden.

Die Möglichkeiten diesbezüglich sind vielfältig und orientieren sich an der Aufbau- bzw. Ablauforganisation, der Kundenzentrierung und neuer digitaler Dienstleistungen als Angebote für Stake- und Shareholder. Es drängen Plattformmodelle auf den Markt, welche bereits jetzt die klassisch analogen Dienstleistungen der Sozialwirtschaft angreifen. „Pflege-Uber“ oder auch „Pflegeritter“ sind nur zwei, die alte Märkte digital und disruptiv erobern.

Wir werden in Zukunft sehr gute technische Voraussetzungen brauchen sowie uns mit den auf den Markt drängenden digitalen Dienstleistungen auseinandersetzen und in Konkurrenz gehen müssen. Digitale Prothesen werden Menschen mit körperlichen Behinderungen zu neuen Einsatzmöglichkeiten in der freien Wirtschaft und zu einer neuen Lebensqualität verhelfen.

Roboter werden über die Flure unserer Einrichtungen fahren und BesucherInnen oder BewohnerInnen fragen, ob sie Hilfe brauchen, welche dann auch direkt angefragt werden kann. Das sind nur zwei von etlichen Beispielen. Da wir uns in der Sozialwirtschaft nach wie vor in einer überwiegend analogen Welt befinden, sehe ich hier die größte Chance!

Schließlich kann man jetzt anfangen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten. Unsere zukünftigen Zielgruppen wollen einen Termin über das Smartphone mit uns vereinbaren. Sie werden digital mit uns kommunizieren und die relevanten Angebote über das Internet suchen. Wer hier nicht vertreten ist, wird für viele Kunden nicht existent sein!

Ergeben sich daraus innovative digitale Produkte oder Dienstleistungen?

Ja, definitiv! Wenn man weiß, wie Digitalisierung funktioniert, kann man durchaus Produkte der Zukunft entwickeln – gerade in der Sozialwirtschaft. Auch wenn man erst denkt, dass Sozialwirtschaft und IT nicht wirklich zusammengehören – dieser Gedanke ist ganz falsch. Gerade durch die Zusammenführung anscheinend weit auseinanderliegender Professionen entstehen Innovationen! Die Digitalisierung wird in der Arbeitswelt noch eine ganze Menge verändern.

Es werden Dinge möglich sein, an die wir heutzutage noch gar nicht denken. Die hohe Kunst der Digitalisierung ist es ja schließlich, Mehrwerte sehr einfach digital zu erschaffen und dadurch u.a. (Grund-) Bedürfnisse zu befriedigen. Warum sollten wir dies als Sozialwirtschaft nicht auch können?

Da ist in der Sozialwirtschaft durchaus noch einiges möglich, hier kommen die digitalen Produkte leider nur schleppend auf den Markt. Andere Branchen sind da schon viel weiter fortgeschritten. Auch im internationalen Vergleich liegt Deutschland noch weit zurück. Wir müssen uns die kreativen Freiräume für Innovationen nehmen,

dazu fehlt vielen Unternehmen momentan noch die Zeit. Ich kann mir vorstellen, dass Künstliche Intelligenz (KI) in der Sozialwirtschaft durchaus ein großes Thema ist.

Nehmen wir zum Beispiel Sprachassistenten, die im Alltag bereits angekommen sind. So etwas würde unserer Branche einen großen Vorteil verschaffen: stellen wir uns mal einen Roboter vor, der sowohl sieht als auch spricht. Wenn man den noch mit zusätzlichen, auf die Betroffenen angepassten Komponenten und Sensoren ausstattet, ist er eine große Unterstützung für Menschen mit Behinderung – sowohl im Arbeitsalltag als auch im Privatleben. Die Möglichkeiten sind in dieser Hinsicht noch lange nicht ausgeschöpft – ich würde gar behaupten, die Potentiale der Digitalisierung sind teilweise noch nicht erkannt.

Herr Rzepus, abschließend gefragt, Sozialwirtschaft 4.0 – was ist noch möglich?

Dank der Digitalisierung ist alles möglich! Die Grenzen zieht hier nur unsere Vorstellungskraft! Wir stehen an der Schwelle zur 5. Industriellen Revolution.

Das Internet of Things, KI, Blockchain und Quantencomputer machen bald mehr möglich, als wir uns heute überhaupt erträumen. Die neuen Technologien und deren Fortschritt bieten ungeahnte Möglichkeiten. Diese gilt es durch die Sozialwirtschaft zu identifizieren bzw. selbst zu entwickeln.

Dabei denke ich nicht nur an junge pfiffige Unternehmen oder Start-Ups, auch Werkstätten für Menschen mit Behinderung sollten zumindest die Potentiale der Digitalisierung identifizieren und Strategien entwickeln, wie sie diese für sich nutzen können. Da sehe ich schon Chancen, sowohl bei der Integration in die freie Marktwirtschaft als auch bei eigenen Produktionsstrecken.

Die Technik ist hier leider noch sehr teuer, das wird sich mit der Zeit aber bestimmt noch ändern, so ist nun mal der Lauf der Dinge im Bereich Technologie. Durch diese neuen und zukünftig auch erschwinglichen Technologien, die die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung ergänzen, können ihnen neue Arbeitstätigkeiten eröffnet werden. Bundesweit sind wir da einfach noch nicht so gut aufgestellt.

Andere Länder sind uns weit voraus – wir sollten über unsere Landesgrenze hinausschauen und uns einiges abgucken. China, Japan und Amerika sind da schon eine Reise wert.

Herr Rzepus, vielen Dank für das Interview!

Die contec sieht in der Digitalisierung der Branche viele Chancen und Möglichkeiten sowohl für Organisationen und deren Mitarbeitende als auch für Klienten. Allerdings darf der Prozess der Digitalisierung kein Selbstzweck sein – die Rahmenbedingungen müssen von den Stakeholdern gemeinsam entwickelt werden. Das bedeutet auch, die Beteiligten zu befähigen und ihre Kompetenzen zu stärken. Somit ist es ein Lernprozess für alle, denn nur im Zusammenspiel können bedarfsgerechte, qualitativ hohe und sinnvolle Lösungen entwickelt werden.

Fakt ist: die Branche muss die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen und für sich passgenaue Lösungen vorantreiben, die langfristig die Qualität der Arbeit stärken.

Gerne beraten und unterstützen wir Sie dabei, die notwendigen Veränderungsprozesse und Strukturen mit Ihnen, den Leistungserbringern und den Klienten gemeinsam zu gestalten, Netzwerke aufzubauen und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.

Aufgrund der Tiefe und Komplexität der Digitalisierung organisiert die contec eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel ‚Digitalisierung in der Sozialwirtschaft‘, die neben den Chancen und Herausforderungen vor allem die praktische Umsetzung in den Blick nimmt. Die ersten Termine stehen schon fest:

Ihre Ansprechpartnerin: Malike Gümrükcü, Organisationsberaterin contec GmbH

Das Interview führte: Christof Feiss, Projektassistenz conQuaesso®
Text: Ewa Kulas, Projektassistentin contec GmbH