Kommentar: KI als Teil einer neuen Beratungsarchitektur in der Senior*innenberatung
Die Anforderungen an die Senior*innenberatung steigen. Beratung soll individuell sein, präventiv wirken und die Lebensbedingungen im Quartier berücksichtigen. Gleichzeitig stehen Beratungsstellen vor begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen. Mit einer wachsenden Zahl älterer Menschen dürfte sich dieses Spannungsfeld weiter verstärken. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie ermöglichen wir auch künftig eine gute und bedarfsgerechte Beratung?
Künstliche Intelligenz kann Teil der Antwort sein. Allerdings nicht, wenn Organisationen lediglich einzelne Arbeitsschritte digitalisieren oder einen Chatbot auf ihre Website setzen. Das größere Potenzial entsteht dort, wo KI unterschiedliche Ebenen miteinander verbindet: den Alltag der Senior*innen, die professionelle Beratung und die Sozialplanung.
Beratung als Gesamtsystem denken
In der Senior*innenberatung geht es nicht nur darum, über Leistungen zu informieren oder bei Anträgen zu unterstützen. Beratende müssen individuelle Lebenssituationen verstehen, regionale Angebote kennen und gemeinsam mit Ratsuchenden passende Unterstützungssettings entwickeln. Damit übernehmen sie zunehmend auch eine Lots*innenfunktion im Quartier.
Diese individuelle Beratung braucht Zeit. Begrenzte Öffnungszeiten und knappe personelle Ressourcen treffen dabei auf komplexe Lebenslagen, sprachliche Barrieren und einen wachsenden Beratungsbedarf.
Mehr Personal kann Teil der Lösung sein. Angesichts begrenzter öffentlicher Mittel wird dies jedoch kaum die einzige Antwort bleiben können. Kommunen und Träger sollten deshalb Beratung als Gesamtsystem weiterentwickeln – und prüfen, welchen Beitrag KI leisten kann.
Drei Bausteine einer KI-gestützten Beratungsarchitektur
Ein möglicher Ansatz verbindet drei Bausteine: Socialbots, Wissensbots und Sozialplanungsbots.
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Socialbots sind im Alltag der Senior*innen präsent. Sie sind mehrsprachige Gesprächspartner*innen und jederzeit erreichbar. Wenn Senior*innen dies ausdrücklich wünschen und die Datenverarbeitung dies zulässt, können solche Systeme auch zur individuellen Lebenssituation beraten – bspw. zu autonomiefördernden und präventiven Aktivitäten. So kann mancher Rat oder Tipp direkt in der passenden Situation gegeben werden und Ratsuchende werden nur bei komplexeren Fragestellungen gezielter an Fachkräfte oder Angebote im Quartier weitergeleitet. Insgesamt sind Socialbots damit nicht nur Ratgeber, sondern potenziell auch ein – nicht ganz unumstrittenes – Mittel gegen Einsamkeit.
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Wissensbots unterstützen die Fachkräfte. Sie können beispielsweise geprüfte Rechtsgrundlagen, Leistungsbeschreibungen und Informationen zur regionalen Angebotslandschaft erschließen. Beratende erhalten damit kontextbezogenen Zugang zu kuratiertem Wissen, statt relevante Informationen wiederholt in unterschiedlichen Quellen recherchieren zu müssen.
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Sozialplanungsbots erweitern die Perspektive vom einzelnen Beratungsanlass auf das Quartier. Aggregierte Daten aus den Socialbots und der Senior*innenberatung können Hinweise darauf liefern, welche Informations- und Unterstützungsbedarfe besonders häufig auftreten oder sich verändern. Sozialplaner*innen können diese Muster als zusätzliche Analysegrundlage nutzen und daraus Hypothesen für die Weiterentwicklung von Angeboten und Infrastruktur ableiten.
KI-gestützte Beratung braucht klare Regeln
Eine solche Beratungsarchitektur ist keine reine Technikfrage. Wer mit sensiblen Informationen arbeitet, muss Datenschutz, Zweckbindung, Datenminimierung und transparente Informationen über die Datenverarbeitung von Beginn an berücksichtigen. Ebenso wichtig sind klare Verantwortlichkeiten:
- Welche Anliegen darf ein KI-System (abschließend) bearbeiten?
- Wann übernimmt eine Fachkraft?
- Wo liegen die Grenzen des Systems?
- Wie funktioniert die Übergabe an Beratungs- oder Notfallstrukturen?
Auch die Organisation selbst muss sich weiterentwickeln. Fachkräfte brauchen KI- und Datenkompetenz, um Ergebnisse kritisch einzuordnen und ihre professionelle Rolle im Zusammenspiel mit KI zu gestalten. Gleichzeitig gewinnen Datenpflege und Qualitätssicherung an Bedeutung. Denn ein Wissensbot kann nur so verlässlich unterstützen wie die Wissensbasis, auf die er zugreift.
Vom Bedarf zur passenden KI-Lösung
Für Kommunen und Träger stellt sich damit eine ganz praktische Frage: Wo fangen wir an? Statt direkt nach einer technischen Lösung zu suchen, sollten sie zunächst die konkreten Herausforderungen ihrer Beratung betrachten:
- Wo investieren Fachkräfte besonders viel Zeit in wiederkehrende Recherchen?
- Welches Wissen benötigen sie regelmäßig?
- Welche Senior*innen erreichen bestehende Beratungsangebote nicht oder erst spät?
- Welche Informationen fehlen der Sozialplanung für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Angebote?
Wissensbots können einen pragmatischen Einstieg in die KI-gestützte Beratung bieten. Die dafür häufig genutzten RAG-Architekturen (Retrieval-Augmented Generation) verbinden generative KI mit definierten Wissensbeständen. Erste Anwendungen lassen sich erproben, ohne sie bereits vollständig in bestehende Systeme zu integrieren. So können Organisationen Erfahrungen mit Nutzen, Datenqualität, Governance und Akzeptanz sammeln.
Sozialplanungsbots erfordern perspektivisch eine stärkere Prozess- und Datenintegration. Dafür braucht es konsistente Datenarchitekturen und klar geregelte Datenflüsse. Socialbots wiederum sollten Kommunen und Träger möglichst gemeinsam mit Senior*innen pilotieren. So können sie frühzeitig prüfen, welche Anwendungen tatsächlich einen Mehrwert bieten und welche Governance-Regeln dafür notwendig sind.
Fazit: Die Innovation ist nicht der Bot
Die eigentliche Chance von KI liegt nicht im einzelnen Tool. Sie liegt in einer neuen Architektur von Beratung, die niedrigschwellige Unterstützung im Alltag mit professioneller Fachberatung und einer datenbasierten Weiterentwicklung des Quartiers verbindet.
Technologie übernimmt darin klar definierte unterstützende Aufgaben, sodass sich Fachkräfte stärker auf jene Situationen konzentrieren können, in denen professionelle Einschätzung, Beziehungsgestaltung und individuelle Begleitung gefragt sind.
Kommunen und Träger sollten deshalb klären, welche Form der Senior*innenberatung sie zukünftig ermöglichen wollen und wie Mensch, Organisation, Daten und KI dafür zusammenspielen müssen.
Text: Dr. Jan Schröder, Leonie Hecken
Bild: Shutterstock
Im Rahmen eines Gastbeitrags im Senior*innenplan 2030 der Stadt Hannover schreibt Dr. Jan Schröder über die Chancen von KI-gestützter Senior*innenberatung für mehr Individualität und Entlastung. Den Beitrag können Sie hier lesen.
Dr. Jan Schröder
Dr. Jan Schröder ist Partner und Mitglied der Geschäftsleitung von contec. Er leitet den Geschäftsbereich Innovation und Vernetzung und verantwortet damit die Beratung zu Innovationsmanagement, KI und Digitalisierung. Dr. Jan Schröder ist u. a. spezialisiert auf die partizipative Entwicklung sozialer Infrastrukturen, Sozialraumorientierung und Potenziale Künstlicher Intelligenz.