Digitaler Reifegrad in der Sozialwirtschaft: Wo steht Ihre Organisation?
Digitalisierung entwickelt sich für die Sozialwirtschaft zunehmend zu einer strategischen Zukunftsaufgabe. Sie muss so gestaltet werden, dass sie den Anforderungen der operativen Arbeit und den Bedürfnissen der Mitarbeitenden gerecht wird, um im Arbeitsalltag wirksam zu unterstützen. Mit der Digitalisierung verbinden soziale Organisationen Erwartungen an effizientere Prozesse, bessere Datenqualität, eine stärkere Steuerungsfähigkeit und neue Möglichkeiten durch Künstliche Intelligenz.
Gleichzeitig wächst mit neuen Technologien, Anwendungen und Anforderungen die Komplexität – insbesondere mit zunehmender Größe und Differenzierung einer Organisation. Digitalisierung sollte daher als übergreifendes Instrument verstanden werden, um Prozesse, Informationen und Steuerung einfacher, transparenter und effizienter zu gestalten.
Der Inhalt auf einen Blick
Digitalisierung beginnt mit einer klaren Standortbestimmung
Bevor soziale Organisationen neue digitale Lösungen oder KI-Anwendungen einführen, lohnt sich der Blick auf die eigenen Grundlagen: Wie sind Prozesse und Datenstrukturen aufgestellt? Wie sieht die bestehende IT-Landschaft aus? Wo liegen die größten Handlungsbedarfe und welche strategischen Ziele sollen mit der Digitalisierung erreicht werden?
Eine solche Standortbestimmung schafft die Grundlage dafür, Insellösungen zu vermeiden, Komplexität zu reduzieren und Digitalisierung gezielt weiterzuentwickeln. Erst auf dieser Basis können digitale Lösungen ihren tatsächlichen Mehrwert entfalten und zugleich den besonderen Anforderungen sozialer Arbeit gerecht werden.
Den digitalen Reifegrad sozialer Organisationen ermitteln
Die Reifegradanalyse der Digitalisierung bildet einen sinnvollen Startpunkt, um zu ermitteln, wo eine Organisation steht und an welchen Stellen Handlungsbedarf vorliegt. Erst wenn Transparenz über den digitalen Reifegrad einer Organisation besteht, lassen sich Digitalisierungsmaßnahmen sinnvoll priorisieren und langfristig vereinheitlichen.
Ein bekanntes Beispiel für ein Reifegradmodell ist das CMMI (Capability Maturity Model Integration). Es beschreibt den Weg von eher reaktiven und personenabhängigen Abläufen über definierte und standardisierte Prozesse bis hin zu einer datenbasiert steuernden und kontinuierlich lernenden Organisation. Soziale Träger können damit ihre Organisation gezielt weiterentwickeln.
Aus der Praxis: Digitale Reifegradanalyse nach der CMMI-Grundlogik
Eine Reifegradanalyse zeigt nicht nur, wie digital eine Organisation bereits arbeitet. Sie macht sichtbar, wie systematisch Prozesse, Daten, Verantwortlichkeiten und Technologien miteinander verzahnt sind. Die einzelnen Reifegradstufen beschreiben dabei einen möglichen Entwicklungsweg.
Was die Reifegradstufen in der Praxis bedeuten, lässt sich am Beispiel eines Trägers der Kinder- und Jugendhilfe mit mehreren Wohngruppen und ambulanten Diensten verdeutlichen. Die Mitarbeitenden dokumentieren ihre Arbeit bereits digital, allerdings unterscheiden sich die Vorgehensweisen zwischen den einzelnen Wohngruppen und Angeboten deutlich. Informationen und Personendaten werden teilweise mehrfach erfasst, Zuständigkeiten sind nicht immer eindeutig und Wissen über bestimmte Abläufe liegt vor allem bei einzelnen Mitarbeitenden. Die unterschiedliche Nutzung digitaler Erfassungssysteme in Software und Office-Anwendungen erschwert Vertretungen, trägerweite Auswertungen und eine einheitliche Qualitätssicherung.
Der Reifegrad-Check macht die verschiedenen Reifegradstufen sichtbar und zeigt, welche Entwicklungsschritte sinnvoll sind.
1. Reagieren: Personenabhängige Abläufe sichtbar machen
Auf der ersten Reifegradstufe sind viele Abläufe stark von einzelnen Personen abhängig. Im Beispiel zeigt die Analyse, dass die Wohngruppen ähnliche Aufgaben unterschiedlich bearbeiten und dokumentieren. Informationen werden teils doppelt erfasst, einheitliche Dokumentationsstandards fehlen und Prozessschritte sind nicht eindeutig geregelt. Bei Krankheit, Urlaub oder Personalwechsel entstehen dadurch schnell Informationslücken.
Der Reifegrad-Check macht Abhängigkeiten und Prozesslücken sichtbar und zeigt Risiken für Qualität und Zusammenarbeit auf.
2. Planen: Handlungsfelder priorisieren
Im nächsten Entwicklungsschritt geht es darum, die identifizierten Handlungsfelder zu strukturieren. Welche Abläufe sind für alle Wohngruppen relevant? Wo entstehen Medienbrüche? Welche Daten werden mehrfach erhoben? Welche Schnittstellen zwischen Teams, Verwaltung und weiteren Beteiligten funktionieren noch nicht ausreichend?
Zentrale Handlungsfelder werden danach priorisiert, wo Verbesserungen den größten Nutzen für Mitarbeitende, Organisation und Qualität versprechen.
3. Standardisieren: Einheitliche Strukturen schaffen
Für die priorisierten Handlungsfelder entwickelt der Träger verbindliche Vorgehensweisen. Es geht um einheitliche Prozessbeschreibungen, Zuständigkeiten, Dokumentationsstandards und Vorlagen. Das reduziert redundante Arbeit in den Wohngruppen und sorgt dafür, dass wesentliche Informationen nach vergleichbaren Standards erfasst und bearbeitet werden.
Standardisierung bedeutet nicht, die Arbeit vollständig zu vereinheitlichen. Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe muss ausreichend Raum für individuelle Situationen und fachliche Entscheidungen bleiben. Es geht vor allem darum, mit einem einheitlichen Vorgehen Sicherheit zu vermitteln und Mitarbeitende zu entlasten.
4. Messen: Aus Erfahrungen steuerbare Informationen machen
Sind Prozesse ausreichend standardisiert und Daten verlässlich verfügbar, kann der Träger relevante Kennzahlen zur Steuerung nutzen. Je nach Handlungsfeld können beispielsweise Auslastung, Bearbeitungszeiten, Vollständigkeit von Dokumentationen oder andere Qualitäts- und Prozesskennzahlen betrachtet werden.
Statt auf Einzelbeobachtungen oder akute Probleme zu reagieren, lassen sich Entwicklungen nun systematisch identifizieren und Wirkungen messen, um Abläufe kennzahlenbasiert zu steuern.
5. Optimieren: Digitalisierung als kontinuierlichen Entwicklungsprozess etablieren
Auf einer hohen Reifegradstufe nutzt der Träger die gewonnenen Erkenntnisse, um Prozesse kontinuierlich weiterzuentwickeln. Standards und Systeme werden regelmäßig überprüft, Mitarbeitende geschult und Erfahrungen aus den Wohngruppen fließen in die Weiterentwicklung ein. Neue gesetzliche Anforderungen, Personalwechsel oder neue Software können bestehende Prozesse verändern. Es braucht deshalb Strukturen, die solche Veränderungen aufgreifen, bewerten und in bestehende Abläufe integrieren.
Der Träger entwickelt sich schrittweise von einer Organisation, die vor allem auf konkrete Probleme reagiert, hin zu einer lernenden Organisation, die Prozesse, Daten und digitale Lösungen systematisch nutzt und kontinuierlich verbessert.
Digitaler Reifegrad: Die nächsten Schritte ableiten
Die Reifegradanalyse bildet den Ausgangspunkt – aber wie sehen die nächsten Schritte aus? Die Ergebnisse zeigen, in welchen Bereichen bereits gute Voraussetzungen bestehen und wo Handlungsbedarf besteht. Daraus lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten und priorisieren. Das Ziel ist nicht, in jedem Bereich möglichst schnell die höchste Reifegradstufe zu erreichen, sondern die Entwicklungsschritte so zu gestalten, dass sie zu den strategischen Zielen der Organisation passen.
Auf dem Weg von reaktiven Arbeitsweisen hin zu einer kontinuierlich lernenden Organisation sind insbesondere vier Bereiche entscheidend:
- Prozesse und Standards weiterentwickeln: Prozesslücken, Medienbrüche oder unterschiedliche Vorgehensweisen werden gezielt bearbeitet und es entstehen verbindliche Standards und Automatisierungen.
- Technische Voraussetzungen schaffen: Die bestehende Systemlandschaft lässt sich auf Basis der identifizierten Bedarfe weiterentwickeln. Es gilt, fehlende Schnittstellen zu schließen, passende Softwarelösungen gezielt auszuwählen oder vorhandene Systeme anzupassen.
- Daten nutzbar machen: Einheitliche Datenstrukturen und eine verlässliche Datenqualität sind Voraussetzung für Kennzahlen, Steuerung und perspektivisch auch den sinnvollen Einsatz von KI.
- Mitarbeitende und Veränderungen einbeziehen: Neue Prozesse und Technologien verändern den Arbeitsalltag. Akzeptanz, Kompetenzen und Qualifizierung müssen deshalb Teil der Weiterentwicklung sein.
So wird aus der Reifegradanalyse ein konkreter Entwicklungspfad: Die Organisation weiß, wo sie steht, und kann festlegen, welche Maßnahmen notwendig sind, um den nächsten Reifegrad zu erreichen.
Sie wissen, wo Ihre Organisation steht: Wie geht es weiter?
Erfolgreiche Digitalisierung beginnt mit einem klaren Verständnis der eigenen Ausgangslage. Eine Reifegradanalyse zeigt, wie Prozesse, Systeme, Daten und Verantwortlichkeiten heute aufgestellt sind und wo konkrete Entwicklungsbedarfe bestehen. Für soziale Träger ergeben sich daraus zentrale Fragen mit Blick auf die eigenen Digitalisierungsvorhaben:
- Welche Handlungsfelder haben für uns die höchste Priorität?
- Welche Prozesse und Standards müssen wir weiterentwickeln?
- Wo müssen Schnittstellen geschaffen werden?
- Wie ist die Qualität unserer Datenbestände?
- Welche strategischen Ziele verfolgen wir mit der Digitalisierung?
- Welche Kompetenzen benötigen Mitarbeitende für die nächsten Entwicklungsschritte?
- Welche digitalen Lösungen unterstützen unsere strategischen Ziele?
Der digitale Reifegrad ist kein Selbstzweck und auch kein einmal erreichter Endzustand. Er bietet Orientierung für einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess und sorgt dafür, dass Maßnahmen gezielter priorisiert, Investitionen in Software und Technologien fundierter entschieden und Veränderungen schrittweise in der Organisation verankert werden.
So kann Digitalisierung dazu beitragen, Abläufe effizienter zu gestalten, die Steuerungsfähigkeit zu verbessern und Mitarbeitende im Arbeitsalltag zu entlasten. Im besten Fall entstehen dadurch Freiräume für das, worauf es in sozialen Organisationen besonders ankommt: die Arbeit mit und für Menschen.
Text: Corinna Prasse, Luis Fritz Schmidt, Leonie Hecken
Foto: ©Shutterstock
Birgitta Neumann
Birgitta Neumann ist Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung von contec. Sie leitet den Geschäftsbereich Sozialwirtschaft und verantwortet damit die Beratung für Unternehmen der Eingliederungs- und der Kinder-und Jugendhilfe. Birgitta Neumann ist unter anderem spezialisiert auf die strategische Neuausrichtung und Positionierung sozialer Einrichtungen im Wettbewerbsumfeld.