Kommentar: Demokratische Grundwerte in der Kinder- und Jugendhilfe organisational verankern
Politische Debatten und Wahlkämpfe machen gesellschaftliche Polarisierung derzeit besonders sichtbar. Sie zeigen ein zunehmend breites politisches Spektrum und unterschiedliche Erwartungen an politische Zukunftsfragen. Digitale Kommunikationsräume verschärfen die Dynamik zusätzlich: Sie sind nicht nur Lebenswelt junger Menschen, sondern zusätzlich ein Raum, in dem Mitarbeitende, Teams und Organisationen öffentlich sichtbar werden. Damit wird der Umgang mit demokratiefeindlichen Inhalten ebenso zu einer Frage organisationaler Kommunikations- und Schutzstrategien.
Die gesellschaftliche Fragmentierung wirkt also auch in die Kinder- und Jugendhilfe hinein. In der Praxis können entsprechende Situationen sehr unterschiedlich aussehen: Jugendliche äußern diskriminierende Positionen in Gruppensettings, im Team entstehen Spannungen über politische Haltungen oder Eltern kritisieren pädagogische Angebote als „politische Einflussnahme“. Viele Leitungskräfte erleben intensivere Debatten und stellen sich zunehmend die Frage: Wie gehen wir professionell mit demokratiekritischen oder menschenfeindlichen Haltungen um?
Die zentrale Herausforderung besteht nicht nur darin, Einrichtungen gegen antidemokratische Einflussnahmen von außen zu schützen. Ebenso wichtig ist der Blick nach innen: auf Teams, organisational verankerte Routinen und Wahrnehmungsmuster, die diskriminierende oder autoritäre Haltungen unbemerkt mittragen können.
Silke Mehre
Management- und Organisationsberaterin
Rechtlicher Auftrag und demokratische Grundwerte als verbindlicher Rahmen
Ein Blick ins SGB VIII macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine parteipolitische, sondern eine auftragsbezogene Fragestellung handelt:
§ 1 verpflichtet zur Förderung junger Menschen hin zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten.
§ 11 fordert, junge Menschen zu gesellschaftlicher Mitverantwortung zu befähigen.
§ 9 konkretisiert die Ausrichtung von Leistungen und verpflichtet dazu,
- die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern,
- Benachteiligungen abzubauen,
- unterschiedliche Lebenslagen und Identitäten zu berücksichtigen und
- eine gleichberechtigte Teilhabe – auch von jungen Menschen mit Behinderungen – umzusetzen.
Diese gesetzlich verankerten Grundsätze stärken zentrale demokratische Werte wie Menschenwürde, Gleichheit, Pluralität und Teilhabe. Ideologien, die Ausgrenzung oder Ungleichwertigkeit propagieren – etwa in Bezug auf unterschiedliche Lebenslagen, Identitäten und religiöse Zugehörigkeiten – stehen dazu in einem klaren Widerspruch. Für viele Einrichtungen stellt das weniger ein Haltungsproblem, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem dar.
Strukturelle Auseinandersetzung und Umsetzung im Organisationsalltag
Eine strukturelle Auseinandersetzung mit diesen Dynamiken braucht es dauerhaft – unabhängig von einzelnen politischen Ereignissen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass kritische Situationen häufig unerwartet entstehen, reicht es nicht aus, ihnen situativ auf der Ebene einzelner Fachkräfte zu begegnen.
Vielmehr braucht es eine umfassende Auseinandersetzung mit antidemokratischen oder anderweitig diskriminierenden Haltungen. Hier kommt der Führung eine zentrale Rolle zu: Sie muss Orientierung geben und organisationale Klarheit schaffen. Wer im professionellen Auftrag Haltung zeigt, kann zur Zielscheibe von Anfeindungen werden – im direkten Kontakt, im Sozialraum oder in digitalen Räumen. Daraus entstehen Führungsaufgaben in den Bereichen Schutz, Rückendeckung und Krisenmanagement. Neben Leitlinien brauchen Mitarbeitende kommunikative Sicherheit, etwa durch strukturierte Austauschformate, Fallbesprechungen und Argumentationshilfen.
Organisationale Steuerungsfelder für den Umgang mit antidemokratischen Dynamiken
Für das Management ergeben sich vier zentrale organisationale Steuerungsfelder:
- Normative Klärung: Wofür steht die Organisation konkret und wo zieht sie Grenzen?
- Handlungssicherheit im Alltag: Welche Verfahren greifen, wenn ausgrenzende oder diskriminierende Situationen auftreten?
- Schutz und Rückendeckung: Wie werden Mitarbeitende und Adressat*innen vor Einschüchterung und Ausgrenzung geschützt?
- Lern und Reflexionsstrukturen: Wie werden Fälle ausgewertet, Unsicherheiten besprochen und Routinen weiterentwickelt?
Ausgangspunkt hierfür kann eine organisationsbezogene Risikoanalyse sein. Diese fragt danach, wo in Strukturen, Kommunikationswegen, Teams oder digitalen Räumen besondere Risiken für pluralitätsablehnende oder diskriminierende Dynamiken entstehen. Denkbar sind zudem organisationsinterne Orientierungshilfen, etwa in Form einer Verhaltensampel, die zwischen klar unvereinbarem Verhalten, reflexionsbedürftigen Grauzonen und professionell anschlussfähigem Verhalten unterscheidet.
Gelebte Praxis: Anforderungen an Organisation und Führung
Demokratie ist kein Zusatzmodul der Kinder- und Jugendhilfe, sondern bildet den normativen Rahmen ihres Handelns. Viele Organisationen verfügen über ein klares Werteverständnis, aber nicht über ausreichend konkrete Verfahren für den Umgang mit demokratiefeindlichen oder diskriminierenden Situationen. Wie im Gewaltschutz zeigt sich auch hier: Haltung allein genügt nicht. Erforderlich sind Risikoanalysen, Prävention, Interventionswege und eine Organisationskultur, in der problematische Vorfälle angesprochen, eingeordnet und bearbeitet werden können. Erst dadurch wird aus normativer Orientierung tatsächliche Handlungsfähigkeit.
Damit das gelingt, können sich Leitung und Management folgende Reflexionsfragen stellen:
- Gibt es in unserer Organisation klare Leitlinien für den Umgang mit antidemokratischen, ausgrenzenden oder diskriminierenden Aussagen?
- Wissen Mitarbeitende, an wen sie sich in solchen Situationen wenden können?
- Sind demokratische Grundwerte im Leitbild, in Führungsentscheidungen und im Qualitätsmanagement sichtbar verankert?
Die Fragen zeigen: Der Umgang mit antidemokratischen sowie kulturell oder religiös diskriminierenden Positionen ist nicht nur eine pädagogische Herausforderung, sondern vielmehr eine Frage der Organisationsführung.
Wie tragfähig demokratische Grundwerte im Alltag der Kinder- und Jugendhilfe sind, entscheidet sich nicht in Grundsatzpapieren, sondern im organisationalen Alltag. Führung ist gefragt, um demokratische Prinzipien in klare Strukturen, Verfahren und Entscheidungen zu übersetzen und damit gleichermaßen Orientierung für Mitarbeitende und junge Menschen zu schaffen.
Text: Silke Mehre, Leonie Hecken
Bild: © Shutterstock
Birgitta Neumann
Birgitta Neumann ist Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung von contec. Sie leitet den Geschäftsbereich Sozialwirtschaft und verantwortet damit die Beratung für Unternehmen der Eingliederungs- und der Kinder-und Jugendhilfe. Birgitta Neumann ist unter anderem spezialisiert auf die strategische Neuausrichtung und Positionierung sozialer Einrichtungen im Wettbewerbsumfeld.