Was die Sozialwirtschaft vom Turnaround bei Woolworth lernen kann
In den vergangenen Jahren sind gleich mehrere renommierte Marken- und Handelsunternehmen in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Einige davon sind inzwischen ganz vom deutschen Markt verschwunden. Umso bemerkenswerter ist der erfolgreiche Turnaround von Woolworth. Was können Träger der Sozialwirtschaft aus der strategischen Neuausrichtung der Kaufhauskette lernen?Auch bei Woolworth sah es vor einigen Jahren so aus, als stünden die deutschen Filialen des traditionsreichen amerikanischen Einzelhandelsunternehmens vor dem Aus. Nach Jahren des Niedergangs und wechselnden Eigentümern meldete Woolworth im Frühjahr 2009 Insolvenz an. Mehr als die Hälfte der 300 Filialen wurde geschlossen, ein Großteil der Beschäftigten verlor seinen Job.
Doch mit der Neugründung der Woolworth GmbH mit Sitz in Unna begann ein konsequenter Neustart. Seitdem hat sich das Unternehmen aus der Krise herausentwickelt und befindet sich auf Expansionskurs. Während andere stationäre Einzelhändler die getrübte Konsumlaune der Verbraucher*innen zu spüren bekommen und Standorte aufgeben, eröffnen immer wieder neue Woolworth-Filialen, oft in zentraler City-Lage.
Auch wenn Handelsunternehmen und die Sozialbranche unterschiedlichen Logiken folgen, lassen sich aus dem Turnaround von Woolworth einige wichtige Erkenntnisse für die Sozialwirtschaft ableiten.
Klare Positionierung
Grundlage der Neuausrichtung von Woolworth war eine umfassende Marktanalyse, die die aktuellen Bedürfnisse und Erwartungen der Konsument*innen in den Mittelpunkt stellte. Auf dieser Grundlage entwickelte das Management das neue Geschäftsmodell eines Nahversorgers im Discount-Segment. Alle Produkte liegen im niedrigen bis mittleren Preissegment, rund 90 Prozent des Sortiments bestehen aus Eigenmarken. Hinzu kommen saisonale Sonderaktionen.
Vorbei die Zeiten des früheren „Ramsch- und Gemischtwarenladens“ mit unscharfem Profil, in dem es nach Ansicht vieler Kund*innen „alles und nichts“ gab. Das neue Konzept ist passgenau auf die veränderten Bedürfnisse der Konsument*innen abgestimmt: In Zeiten hoher Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit ist die Preissensibilität deutlich gestiegen – günstige Produkte des täglichen Bedarfs sind angesagt wie schon lange nicht mehr.
Unsere Empfehlung: Auch soziale Organisationen sollten ihr Angebotsportfolio regelmäßig kritisch prüfen. Entsprechen die Leistungen noch den Bedürfnissen und Erwartungen der heutigen Klient*innen? Ist das Leistungsprofil klar erkennbar? Durchleuchten Sie Ihr Angebot und wägen Sie ab, ob es in der bisherigen Form fortgeführt werden sollte:
- Welche Angebote sind fachlich und wirtschaftlich sinnvoll?
- Welchen Zielgruppen bedienen wir besonders wirksam?
- Wo verzetteln wir uns?
- Welche Mitbewerber*innen gibt es?
- Wie dringlich ist der Bedarf?
Vereinfachung von Strukturen und Prozessen
Ein weiterer Erfolgsfaktor für den Turnaround bei Woolworth war die konsequente Vereinfachung von Strukturen und Prozessen. Mit einem einheitlichen Filialtyp und einer schlankeren Gesamtorganisation reduzierte Woolworth in den Bereichen Logistik, Einkauf und Verwaltung die Komplexität und stärkte damit die Steuerung.
Unsere Empfehlung: Gerade hier zeigt sich für die Sozialwirtschaft ein großes Potenzial: Vereinfachen Sie konsequent. Klare Zuständigkeiten, transparente Abläufe und reduzierte Schnittstellen schaffen Freiräume – sowohl für die direkte Arbeit mit den Klient*innen als auch für die Entwicklung neuer Angebotsformen.
Controlling als Steuerungsinstrument
Auch professionelles Controlling spielte beim Turnaround von Woolworth eine wichtige Rolle. Kennzahlen zu Ertrag, Kosten und Produktivität wurden nicht als Misstrauensinstrument verstanden, sondern systematisch genutzt, um Entscheidungen zu treffen und das Geschäftsmodell neu aufzustellen.
Unsere Empfehlung: In der Sozialwirtschaft wird Controlling häufig eher als Dokumentations- denn als Steuerungsinstrument gesehen. Entwickeln Sie Ihr Controlling gezielt zum Führungsinstrument weiter. Auslastung, Personaleinsatz, Fachleistungsstunden und Wirtschaftlichkeit sollten systematisch ausgewertet werden. Nicht nur zur Absicherung, sondern als Grundlage für fundierte Entscheidungen und gezielte Innovation.
Fazit: Mut zur Neuausrichtung
Der Fall Woolworth zeigt: Ein Turnaround gelingt durch strategische Klarheit und den unternehmerischen Mut, sich von überholten Konzepten zu trennen. Dafür müssen vom Management Entscheidungen getroffen werden, auch wenn sie unbequem sind. Vorsichtige Veränderungen am bestehenden System allein reichen nicht aus.
Erfolgreiche Unternehmen – und ebenso Organisationen der Sozialwirtschaft – orientieren sich am Markt. Sie schauen über ihren eigenen Tellerrand hinaus: Wie entwickelt sich der Markt? Welche Bedarfe bestehen? Welche fallen weg oder haben sich verändert? Worin könnte ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Mitbewerber*innen bestehen.?
Bei einer strategischen Neuausrichtung müssen ebenfalls die internen Strukturen und Prozesse auf den Prüfstand. An welchen Stellen sind Anpassungen und grundlegende Umstrukturierungen notwendig, damit das Unternehmen bzw. die Organisation dauerhaft leistungsfähig und wirtschaftlich aufgestellt ist?
Oft dienen Kennzahlen eher der Dokumentation und der Erfüllung von Berichtspflichten. Ihr Potenzial bleibt ungenutzt, weil kaum damit gearbeitet wird. Dabei können die Daten – richtig eingesetzt – wertvolle Hinweise liefern und stellen damit ein nicht zu unterschätzendes Steuerungsinstrument dar.
Text: Michaela Voß | Annette Borgstedt
Bild: © Shutterstock
Birgitta Neumann
Birgitta Neumann ist Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung von contec. Sie leitet den Geschäftsbereich Sozialwirtschaft und verantwortet damit die Beratung für Unternehmen der Eingliederungs- und der Kinder-und Jugendhilfe. Birgitta Neumann ist unter anderem spezialisiert auf die strategische Neuausrichtung und Positionierung sozialer Einrichtungen im Wettbewerbsumfeld.