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    Mehr als Technik: Wie Krankenhäuser KI erfolgreich implementieren

    Mehr als Technik: Wie Krankenhäuser KI erfolgreich implementieren
    Mehr als Technik: Wie Krankenhäuser KI erfolgreich implementieren
    13:10

    Die Gesundheitswirtschaft steht unter erheblichem Veränderungsdruck. Personalmangel, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Qualitätsanforderungen und die Krankenhausreform erhöhen den Handlungsdruck. Gleichzeitig entwickeln sich digitale Technologien und insbesondere Künstliche Intelligenz (KI) rasant weiter.

    Ein Blick auf den DigitalRadar 2026 zeigt eindeutige Fortschritte bezüglich der Digitalisierung in deutschen Krankenhäusern. Allerdings wird auch deutlich, dass Digitalisierung allein noch keinen Mehrwert für die Versorgung schafft. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, digitale Technologien und insbesondere auch KI so einzusetzen, dass sie Prozesse verbessern, Mitarbeitende entlasten und die Versorgungsqualität nachhaltig steigern.

     

    Der DigitalRadar 2026: Deutliche Fortschritte bei der Digitalisierung

    Der DigitalRadar bewertet seit 2021 den digitalen Reifegrad deutscher Krankenhäuser. Die ersten Ergebnisse der dritten Erhebung zeigen einen klaren positiven Trend: Der durchschnittliche DigitalRadar-Score (maximal 100 Punkte) steigt von 33,3 Punkten 2021 auf 55,0 Punkte im Jahr 2026. Besonders stark entwickeln sich technische und organisatorische Bereiche wie

      • digitale Strukturen und Systeme,
      • klinische Prozesse,
      • Informationsaustausch sowie
      • Interoperabilität.

    Alle Bundesländer verbessern ihren durchschnittlichen Reifegrad deutlich, jedoch bleiben Unterschiede zwischen Krankenhäusern bestehen. Größere und öffentliche Häuser verfügen häufig über weiter entwickelte digitale Strukturen als kleinere Einrichtungen. Ein weiteres interessantes Ergebnis: Rund 60 % der Krankenhäuser setzen bereits KI-Anwendungen ein. Knapp 70 % dieser Einrichtungen nutzen KI beispielsweise zur Dokumentation oder Texterstellung. Entscheidungsunterstützende Systeme kommen bereits bei gut der Hälfte zum Einsatz. Gleichzeitig verfügen rund 40 Prozent der Standorte bislang über keine relevanten Schulungsangebote zum Thema KI.

    Digitalisierung ist nicht gleich KI

    Die Ergebnisse des DigitalRadars zeigen: Ein hoher Digitalisierungsgrad allein macht ein Krankenhaus noch nicht fit für den erfolgreichen Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

    Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur bildet zwar die notwendige Grundlage, für den Einsatz von KI reichen digitale Systeme jedoch nicht aus. Während klassische Digitalisierungsprojekte häufig den flächendeckenden Aufbau von IT-Landschaften oder Krankenhausinformationssystemen (KIS) verfolgen, orientieren sich erfolgreiche KI-Projekte an klar definierten Anwendungsfällen. Unsere Beratungspraxis bestätigt diesen Ansatz: Krankenhäuser erzielen die größten Erfolge, wenn sie ihre KI-Strategie schrittweise entwickeln und mit überschaubaren Use Cases starten.

    Ein bewährtes Beispiel für ein Use Case ist die KI-gestützte Analyse radiologischer Bilddaten. KI-Systeme erkennen aufgrund ihrer Fähigkeit, große Datenmengen in kurzer Zeit auszuwerten, Auffälligkeiten schnell und zuverlässig. Sie unterstützen das medizinische Fachpersonal bei der Diagnostik und schaffen eine fundierte Grundlage für den ärztlichen Befund – die medizinische Entscheidung verbleibt dabei stets in der Verantwortung der behandelnden Fachkräfte.

    KI ist kein IT-Projekt – sondern ein Veränderungsprojekt

    Im Mittelpunkt des KI-Einsatzes steht nicht die Technologie selbst, sondern ein konkretes Problem, das sich mit KI besser lösen lässt. Entscheidend ist der konkrete Mehrwert für Versorgung, Arbeitsabläufe und Qualität. Gerade im Gesundheitswesen muss jede KI-Anwendung einen nachvollziehbaren Nutzen schaffen. Insbesondere, weil im Zusammenhang mit KI häufig die Sorge auftaucht, dass Arbeitsplätze durch intelligente Systeme ersetzt werden.

    Diese Befürchtung lässt sich jedoch einordnen: In Krankenhäusern und anderen Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft kommt heute nahezu ausschließlich schwache KI zum Einsatz. Ihr Ziel besteht nicht darin, medizinisches oder pflegerisches Fachpersonal zu ersetzen, sondern Entscheidungen in klar abgegrenzten Aufgabenbereichen zu unterstützen, Routinetätigkeiten zu erleichtern und Freiräume für die unmittelbare Versorgung von Patient*innen zu schaffen.

    Im Gegensatz dazu handelt es sich bei starker KI eher um ein theoretisches Konzept, das bisher praktisch nicht eingesetzt wird. Starke KI kann eigenständig lernen, Wissen auf unterschiedliche Aufgaben übertragen und menschenähnliche kognitive Fähigkeiten entwickeln.

    Derzeit lässt sich festhalten: KI ergänzt menschliche Expertise – sie ersetzt sie nicht. Die folgenden Leitfragen unterstützen dabei, geeignete Use Cases zu bewerten:

    • Lässt sich in einem konkreten Anwendungsfall Zeit gewinnen oder lassen sich Prozesse effizienter gestalten?
    • Welchen Mehrwert bietet die KI für Patient*innen sowie für Mitarbeitende in Medizin, Pflege und Verwaltung?
    • Wie trägt die Anwendung zu einer qualitativ hochwertigen und sicheren Versorgung bei?

    Wer diese Fragen konsequent beantwortet, schafft die Grundlage für tragfähige Investitionsentscheidungen und eine hohe Akzeptanz innerhalb der Organisation.

    Zentrale Erfolgsfaktoren für den Einsatz von KI in Krankenhäusern

    Die Einführung von KI ist in erster Linie Organisations- und Führungsaufgabe. Technologie bildet die Voraussetzung – über den langfristigen Erfolg entscheiden jedoch strategische Verankerung, klare Verantwortlichkeiten und die Akzeptanz der Mitarbeitenden. Aus unserer Beratungspraxis heraus lassen sich fünf zentrale Erfolgsfaktoren ableiten:

    1. KI strategisch verankern

    Erfolgreiche Krankenhäuser beginnen den Einsatz von KI Top-down mit der Entwicklung einer Strategie und entwickeln diese schrittweise weiter. Dafür werden klare Ziele definiert und Anwendungsfälle mit Blick auf deren Nutzen priorisiert. Da sich technologische Entwicklungen in einem dynamischen Umfeld bewegen, bleibt jedoch immer auch Raum zum Experimentieren und gemeinsamen Lernen, um mit den Entwicklungen Schritt halten zu können.

    Expertenblick:
    Florian Platen, IT-Manager Gesundheitswirtschaft bei conPrimo, Experte für Digitalisierung und KI-Strategien

    „Viele Krankenhäuser fragen zuerst nach der richtigen KI. Die wichtigere Frage lautet jedoch: Welches Problem wollen wir lösen? Erfolgreiche KI-Projekte beginnen mit einem konkreten Anwendungsfall, nicht mit einer Technologieentscheidung.“

    2. Mit konkreten Use Cases starten

    KI entfaltet ihren Mehrwert dort, wo sie ein konkretes Problem löst. Pilotprojekte, in denen die vorab entwickelte Strategie für einen konkreten Use Case angewandt wird, ermöglichen schnell neue Erfahrungen und schaffen Akzeptanz im klinischen Alltag. Für das Prototyping bietet es sich beispielsweise an, den Einsatz von KI in einer Station zu starten, in der die Mitarbeitenden dem Projekt offen gegenüberstehen. Die dort gewonnen Erkenntnisse lassen sich dann in einem weiteren Schritt auch für andere Stationen nutzen und gegebenenfalls anpassen.

    3. Datenqualität und Systemlandschaft sichern

    Eine leistungsfähige KIS-Architektur, aktuelle Daten und funktionierende Schnittstellen sind zentrale Voraussetzungen für den erfolgreichen KI-Einsatz. Die Qualität KI-gestützter Ergebnisse hängt unmittelbar von der Qualität und Aktualität der zugrunde liegenden Daten ab. In der Praxis erschweren jedoch häufig geschlossene Systemarchitekturen, mangelnde Interoperabilität oder veraltete bzw. unvollständige Datenbestände die Anbindung. Dadurch steigt das Risiko fehlerhafter Empfehlungen und sogenannter KI-Halluzinationen – mit potenziell schwerwiegenden Folgen, etwa bei KI-gestützten Frühwarnsystemen auf Basis von Patient*innendaten.

    Ebenso wichtig sind Datenschutz, Informationssicherheit und regulatorische Vorgaben. KI-Anwendungen verarbeiten in der Gesundheitswirtschaft sensible Patient*innen- und Mitarbeitendendaten. Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen müssen deshalb die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), interne Compliance-Regeln sowie den EU AI Act und – je nach Anwendung – das Medizinprodukterecht berücksichtigen.

    Expertenblick:
    Philipp Tessin, Senior-Berater und Senior-Manager Gesundheitswirtschaft bei conPrimo, Experte für Datenschutz und Compliance

    „Krankenhäuser arbeiten mit besonders sensiblen Daten. Datenschutz darf Innovation deshalb nicht verhindern – er muss sie ermöglichen. Entscheidend sind klare Regeln, sichere Datenräume und transparente Verantwortlichkeiten. Dann lassen sich Datenschutz und KI erfolgreich miteinander verbinden.“

    4. Mitarbeitende einbinden und qualifizieren

    Die erfolgreiche Einführung von KI erfordert neben den technischen Voraussetzungen v. a. eine transparente Kommunikation und die Qualifizierung der Mitarbeitenden. Da Künstliche Intelligenz Arbeitsabläufe verändert, sollten Krankenhäuser frühzeitig in Schulungen und Kompetenzentwicklung investieren.

    Grundlagenschulungen vermitteln den sicheren Umgang mit Large Language Models (LLMs), sensibilisieren für Chancen und Grenzen der Technologie und unterstützen Mitarbeitende dabei, KI-Anwendungen verantwortungsvoll und datenschutzkonform einzusetzen. Gleichzeitig erfüllen sie die Anforderungen des EU AI Acts, der für bestimmte KI-Systeme Maßnahmen zur Sicherstellung einer angemessenen KI-Kompetenz der Beschäftigten vorsieht. Regelmäßige Qualifizierungsangebote helfen, den Einsatz von Schatten-KI zu vermeiden und einen sicheren, regelkonformen Umgang mit KI im Arbeitsalltag zu fördern.

    5. Governance und Akzeptanzmanagement

    Die Einführung von KI ist immer auch ein Veränderungsprozess. Mitarbeitende müssen neue Technologien verstehen, deren Nutzen nachvollziehen und Vertrauen in ihren Einsatz entwickeln. Damit Akzeptanz und Veränderungsbereitschaft entstehen können, müssen vier zentrale Voraussetzungen erfüllt sein:

    1. Motivation: Mitarbeitende müssen bereit sein, die durch KI angestoßenen Veränderungen anzunehmen und aktiv mitzugestalten.
    2. Fähigkeiten und Skills: Mitarbeitende können den Einsatz von KI dann gewinnbringend nutzen, wenn sie über die erforderlichen Kenntnisse und Kompetenzen verfügen, um mit neuen Anforderungen und Arbeitsweisen umzugehen.
    3. Gelegenheit: Akzeptanz entsteht, wenn Mitarbeitende ausreichend Zeit und Freiräume erhalten, sich mit neuen KI-Anwendungen vertraut zu machen und diese im Arbeitsalltag auszuprobieren.
    4. Quick Wins: Frühe Erfolgserlebnisse und Aha-Momente stärken das Vertrauen in KI, steigern die Motivation und fördern die Freude an ihrer Nutzung.

    Weiterhin fördern ein klares Bekenntnis des Top-Managements, transparente Kommunikation und praxisnahe Anwendungsfälle die Akzeptanz und zeigen, wie KI den Arbeitsalltag konkret erleichtern kann. Klare Governance-Strukturen mit definierten Verantwortlichkeiten, verbindlichen Leitlinien und einem systematischen Risikomanagement sorgen dafür, dass KI-Anwendungen organisationsweit einheitlich und verantwortungsvoll eingesetzt werden. Dazu gehört insbesondere eine KI-Policy, die die Nutzung von KI, Prüfprozesse, Einwilligungsmodalitäten sowie Dokumentationspflichten für konkrete KI-Projekte verbindlich regelt.

    Ein KI-Komitee auf Einrichtungsebene – zusammengesetzt aus Vertreter*innen der Pflege, des ärztlichen Dienstes und der IT – kann Leitlinien für den verantwortungsvollen Einsatz von KI entwickeln und KI-Projekte in der Planungs- und Umsetzungsphase beratend begleiten. Ein solches Komitee kann vor, nach und während der KI-Projekte als Kontrollgremium fungieren und gibt Projekte nach der Managemententscheidung als letzte Instanz frei. Damit trägt es zu einer transparenten und qualitätsgesicherten Einführung von KI-Anwendungen bei.

    Orientierung für die nächsten Schritte

    Die Ergebnisse des aktuellen DigitalRadars zeigen deutlich, dass die Digitalisierung deutscher Krankenhäuser in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht hat. Die nächste Entwicklungsstufe besteht nicht darin, weitere IT-Systeme einzuführen, sondern vorhandene digitale Strukturen gezielt für bessere Versorgung, effizientere Prozesse und eine spürbare Entlastung der Mitarbeitenden zu nutzen.

    KI kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Voraussetzung sind jedoch belastbare Daten, klare Governance, geeignete Use Cases und ein konsequentes Change-Management. Denn die Einführung von KI ist keine rein technische Aufgabe. Sie verändert Prozesse, Rollen und Zusammenarbeit.

    Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen, die KI heute strategisch und schrittweise implementieren, schaffen die Grundlage für eine zukunftsfähige Versorgung. Dabei gilt: Der technologische Wandel beginnt nicht mit der Software – sondern mit den Menschen.

     

    Text: Philipp Tessin | Florian Platen | Leonie Hecken
    Bild: Shutterstock

    Matthias Adler

    Matthias Adler ist Partner und Mitglied der contec-Geschäftsleitung und leitet den Bereich Gesundheitswirtschaft bei conPrimo. Er verfügt über langjährige Führungserfahrung, auch für Komplexträger in komplexen Konzernstrukturen. Seine Schwerpunkte sind u.a. Nachhaltigkeit, Governance, Compliance, IT, Digitalisierung, Krisen, Transformationen sowie Konzern-/Geschäftsbereichsstrategien.