Akademisierung: Einbindung akademisch qualifizierter Pflegefachkräfte

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Dienstag, 12 März 2019 17:44

Akademisierung Teil I: Nicht nur die Anforderungen an die professionelle Pflege, sondern auch die verfügbaren Qualifikationen in der Pflege entwickeln sich weiter. In den nächsten Jahren wird die Anzahl akademisch primär qualifizierter Pflegefachkräfte zunehmen. Im Zuge dieser Akademisierung ist nicht nur die Frage der Einsatzfelder zu klären, sondern auch, wie verhindert werden kann, dass eine Kluft zwischen den akademisch qualifizierten und den praktizierenden Altenpflegefachkräften entsteht. Denn die hohe Expertise praktizierender Altenpflegefachkräfte ist von ebenso großer Bedeutung wie die Methoden- und Fachkompetenz akademisch Qualifizierter.

Die sich wandelnden Anforderungen an die pflegerische Versorgung beinhalten komplexere Pflegeleistungen und die Vermittlung und Anwendung des pflegewissenschaftlichen Fortschritts. Je nach Tätigkeit sind jedoch unterschiedliche Qualifikationen erforderlich. Pflegerische Arbeit lässt sich dabei in „hochkomplexe“ und „niedrigkomplexe“ Aufgaben aufteilen. Erstere zeichnen sich u. a. durch einen unübersichtlichen Informationsstand aus und erfordern Fach- und Erfahrungswissen. Bei Letzteren gibt es einen ausreichenden Informationsstand, Handlungsklarheit und geringe Folgelastigkeit. Um den richtigen Qualifikationsmix für eine Einrichtung zu entwickeln, müssen zunächst die regelmäßigen Arbeitsinhalte analysiert und entsprechend ihrer Komplexität bewertet und zugeordnet werden, sodass am Ende eine optimale Passung zwischen den Arbeitsinhalten und der ihnen zugeordneten Qualifikation erreicht werden kann.

Die beruflichen Einmündungsfelder für Pflegefachleute mit akademischer Qualifikation in vollstationären Pflegeeinrichtungen sind grundsätzlich vielfältig:

Qualifizierte Pflege

  Prozessverantwortung für Pflegebedürftige mit komplexen medizinischen, pflegerischen, sozialen u. psychischen Problemlagen u.  Versorgungsanforderungen  ♦  Schulung u. Beratung von Pflegebedürftigen (und ihren Angehörigen) mit komplexen medizinischen, pflegerischen, sozialen u. psychischen Problemlagen u. Versorgungsanforderungen bzw. Konzeptentwicklung  ♦  Durchführung von einzelnen Projekten zur Prozessverbesserung u. systematischen Praxisentwicklung  ♦  Theorie-Praxis-Transfer

Pflegeprozessmanagement

  Fachgerechte Steuerung der Pflegeprozesse  ♦  Verantwortung für den pflegerisch-diagnostischen Prozess  ♦  Planung u. Evaluation einer individuellen, evidenzorientierten Pflege u. Betreuung   ♦  Steuerung, Begleitung u. Bearbeitung von hochkomplexen Pflegesituationen  ♦  Beratung u. Begleitung des Pflegebedürftigen vom Erstkontakt an, Patientenedukation  ♦  Koordination der Prozesse mit den beteiligten Berufsgruppen  ♦  Theorie-Praxis-Transfer  ♦  Supervidierende methodische und pflegefachliche Begleitung der Pflegefachkräfte bei der Umsetzung des Pflegeprozesses  ♦  Anleitung von Pflegeassistent/innen

Qualitätsmanagement

  Entwicklung, Implementierung, Fortführung u. Evaluation eines Qualitätsmanagementsystems  ♦  Analysen/Qualitätsaudits  ♦  Maßnahmen zur Qualitätssicherung und -entwicklung  ♦  Beratung der Leitungskraft zu qualitätsrelevanten Fragestellungen  ♦  Theorie-Praxis-Transfer  ♦  Qualitätsbericht

Pflegemanagement

  Personalführung  ♦  Personaleinsatz  ♦  Personalentwicklung  ♦  Pflegeorganisation  ♦  Leistungsvertrieb/Pflegegradmanagement  ♦  Pflegeprozess-Steuerung  ♦  Sicherstellung eines einrichtungsinternen Qualitätsmanagements  ♦  Prozessoptimierung in der Pflege u. berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit  ♦  Umsetzung der Pflegekonzeption

Im Pflegemanagement und im Qualitätsmanagement gelingt es zunehmend, akademische Qualifikationen zu gewinnen und dauerhaft zu binden – eine positive Entwicklung. Dennoch gibt es zwei Befunde, die auf eine Fehlentwicklung hindeuten: Trotz des geäußerten großen Bedarfs an höher qualifizierten Pflegekräften sind viele Einrichtungen nicht auf die Hochschulabsolvent/innen eingestellt. (vgl. Simon/Flaitz, 2015) Gleichzeitig wird beobachtet, dass die meisten Pflegeakademiker/innen, die in die Pflegepraxis gehen, diese wieder verlassen. (vgl. Zieher/Ayan, 2016, Absolventenbefragung; vgl. auch: Anderl-Doliwa, B., 2017)

Auf den ersten Blick sind diese Befunde schwer nachvollziehbar. Auf den zweiten Blick ergeben sich Hinweise darauf, dass die Erwartungen der Absolvent/innen und der Einrichtungen offenbar (noch) nicht in Einklang zu bringen sind. Dieser Umstand muss sich zeitnah ändern, denn die Anforderungen an professionelle Pflegeleistungen steigen seit Jahren kontinuierlich und werden dennoch dauerhaft mit einem annähernd unveränderten Qualifikationsmix erbracht. 50 Prozent des Personals besteht dabei aus nicht examinierten Kräften.

Im Rahmen der bisherigen Qualitätsbeurteilung von Einrichtungen durch Transparenznoten lässt sich diese Problematik noch nicht aussagekräftig erkennen. Das wird sich im Herbst 2019 ändern, wenn die indikatorengestützte Qualitätsbeurteilung von Einrichtungen umgesetzt wird. Dieses Verfahren ist als Qualitätsmanagementansatz zu begrüßen, da es die Verknüpfung des internen mit dem externen Qualitätsmanagement ermöglicht. Diese indikatorengestützte Qualitätsbeurteilung bringt jedoch einige Herausforderungen für die Einrichtungen mit sich. Die Anforderungen an die professionelle Pflege steigen mit diesem Verfahren noch einmal sprunghaft an. Darüber hinaus wird die professionelle Pflege auch durch gesellschaftliche Megatrends gefordert, insbesondere durch die Digitalisierung und eine sich verändernde Wertewelt beim Personal.

Akademisierung: Erwartungen und Gegebenheiten vor Ort müssen angenähert werden

Dass Träger und Einrichtungsleitungen diese Entwicklungen mit dem gleichen Personalmix wie bisher beantworten können, ist zu bezweifeln. Die Akademisierung der Pflege ist eine Voraussetzung für die Weiterentwicklung. Um die Passung zwischen den Vorstellungen der Absolvent/innen und den Arbeitsplätzen in den Einrichtungen zu verbessern, muss noch einiges passieren. Die Einrichtungen sollten beginnen, aktiv Einmündungsfelder für akademische Pflegequalifikationen zu eröffnen und um diese Zielgruppe zu werben – dafür braucht es eine Organisationsentwicklung und nicht ein „weiter so“. Gleichzeitig sollten die Hochschulen einen Schritt auf die Pflegepraxis zugehen und ihre Absolvent/innen noch besser auf die Arbeitsbereiche im SGB XI-Bereich vorbereiten. Hier bedarf es eines lebendigen Netzwerks mit Hospitationsmöglichkeiten und anderen Verknüpfungen zur Pflegepraxis. Gute Beispiele gibt es in der Praxis bereits, z. B. das jährliche Forum „Berufliche Einmündung“ der Hochschule Rosenheim.

Im Hinblick auf die Rolle der Akademisierung der Pflege können also vielversprechende Perspektiven formuliert werden: Zunächst einmal sind die Einmündungsfelder für Pflegefachleute mit akademischer Qualifikation in der stationären und ambulanten Pflege vielfältig und attraktiv. Innovative Träger werben auch bereits aktiv um akademische Pflegequalifikationen. Zugleich erfordern die Zukunftsthemen in der Altenpflege geradezu die Einmündung akademischer Qualifikationen. Entsprechend sind also die Karriereoptionen für akademische Pflege-Qualifikationen hervorragend.

Text: Barbara Pews
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Literatur: Anderl-Doliwa, B., 2017; Simon/Flaitz, 2015; Zieher/Ayan, 2016

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