#Pflege: Social Media im Gesundheitswesen

Social Media Gesundheitswesen
Mittwoch, 21 August 2019 14:51

Rund 10 Millionen aktive Instagram-Nutzer*innen gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Die größte Bildplattform der Welt wird von den User*innen zum Austausch über alle Lebensbereiche genutzt – da verwundert es nicht, dass auch immer wieder medial diskutierte Themen wie der Pflegenotstand oder die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen Gegenstand der Beiträge und Kommentare in den Social Media sind: Unter #pflege lassen sich bei Instagram beispielweise gut 300.000 Beiträge finden; zu spezifischeren Hashtags wie #pflegekräfte oder #pflegenotstand gibt es tausende weitere Posts.

Franziska Böhler, auf Instagram als @thefabulousfranzi aktiv, teilt regelmäßig Einblicke in ihren Berufsalltag und Erfahrungen ihrer Kollegen und Kolleginnen aus anderen Bereichen des Gesundheitswesens. In den letzten Jahren hat sich die Intensiv- und Anästhesieschwester eine große Community aufgebaut. Mittlerweile verfolgen mehr als 60.000 Abonnent*innen ihre Beiträge, Hunderte kommentieren sie.
Anfangs sei ihr Beruf nicht Thema ihres Instagram-Profils gewesen, berichtet sie im Interview mit contec. Nachdem ein Schnappschuss im Kasack und der Bericht über die häufig anstrengenden und stressigen Schichten viel Zuspruch erhielten, habe sie gemerkt, dass viele Gleichgesinnte auf der Plattform unterwegs sind und sich über Themen des Gesundheitswesens austauschen wollen. Seitdem greift sie immer häufiger Pflege- und Gesundheitsthemen auf, heute bestimmen sie fast alle ihre Beiträge.

Präsenz in Social Media immens wichtig für einen breiten Diskurs

„Die Präsenz und Interaktion in den sozialen Netzwerken ist auf verschiedenen Ebenen immens wichtig und bietet vielfältige Möglichkeiten, unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen“, so Franziska Böhler.
Zum einen beschreibt sie die inhaltliche Ebene, auf der sich Mitarbeitende im Gesundheitswesen, aber auch Patient*innen und deren Angehörige austauschen wollen und von ihren Erfahrungen aus Kliniken, Pflegeeinrichtungen oder Praxen berichten. Regelmäßig finden sich unter den Bildern hunderte Kommentare, in denen meist selbst Betroffene – sei es beruflich oder privat – den Schilderungen der Influencerin zustimmen und ihre eigene Sicht der Dinge erklären.

Durch eine entsprechende Reichweite könne ein Diskurs angestoßen und dem Thema nicht nur im Internet, sondern auch in der ‚realen Welt‘ eine Plattform geboten werden. Einige Follower hätten berichtet, dass sie auch im privaten Umfeld über Themen sprechen, die sie zuvor bei Instagram gesehen haben. „Das wird dann plötzlich Thema beim Abendbrot und so noch einmal weitergetragen. Mit diesen Dimensionen hätte ich nie gerechnet“, gesteht @thefabulousfranzi. Andere User*innen wiederum hatten noch nichts vom Pflegenotstand oder seinem Ausmaß gehört und seien durch Franziska Böhlers Profil eher zufällig auf das Thema gestoßen. In solchen Fällen betreibe @thefabulousfranzi dann regelrecht Aufklärungsarbeit, wie sie es selbst nennt.

Mit direkter Kommunikation und einem authentischen Berufsbild gegen den Nachwuchsmangel

Die Wirkung, die die Instagram-Posts auf die User*innen haben, führt die 32-Jährige unter anderem auf die direkte und schnelle Kommunikation zurück, die über die Plattform möglich ist. Bestimmte Zielgruppen erreiche man auf dieser Kommunikationsebene wesentlich schneller und effizienter über Instagram oder YouTube als über einen Artikel in der Tageszeitung.

Um dann eine thematische Bandbreite bieten zu können, die inhaltlich auch korrekt und authentisch ist, sei die Vernetzung untereinander unabdingbar. „Ich versuche, Pflege allgemein zu behandeln und das Gesundheitswesen mit seinen verschiedenen Berufsgruppen zu zeigen“, erklärt sie. „Als Intensiv- und Anästhesieschwester wusste ich zum Beispiel nicht, wie die Altenpflege besetzt ist. Durch die Vernetzung untereinander können wir fragen, wie es in den anderen Sektoren aussieht, welche Organisationsstrukturen und welche Probleme es gibt. Das ist nicht in jedem Bereich gleich.“

Ein großes Problem, das viele im Gesundheitswesen beschäftigt, ist der Fachkräftemangel und die damit verbundenen Probleme der Nachwuchsgewinnung. Gerade hier sieht die Influencerin einen Vorteil in der Social Media Arbeit. Man bekomme einen Einblick in die guten aber auch schlechten Seiten des Berufsalltags und damit ein recht authentisches Bild der Lage. „Die Waage muss sich halten, man darf ja auch nicht lügen“, meint die Intensivschwester auf die Frage nach den zum Teil eher ernsten und zum Teil düsteren Inhalten ihrer Posts. Sie wolle zudem zeigen, was es braucht, um einen Beruf im Gesundheitswesen zu ergreifen und was der Job einem zurückgeben kann. Gerade User*innen, die jetzt noch zur Schule gehen und potenzielle Fachkräfte für das Gesundheitswesen sind, finden sich häufig bei Instagram und Co. und können so einfach und unverbindlich angesprochen werden.

Themen und Vernetzung aus den Sozialen Medien in die Realität übertragen

Social Media schön und gut – könnte man meinen – aber was nutzen tausende Likes, wenn die aktuelle Situation im Gesundheitswesen nur beklagt, aber nicht tatsächlich verbessert wird? Das Zauberwort sei hier Vernetzung, meint Franziska Böhler. Zusammen mit anderen Aktiven aus dem Gesundheitswesen möchte sie sich auch in Offline-Veranstaltungen für Themen des Pflege- und Gesundheitswesens stark machen. Unter den Influencer*innen sei man bereits gut vernetzt, jetzt gelte es, zum Beispiel Schüler*innen oder bisher Unbeteiligte ins Boot zu holen. „Da hilft die große Reichweite bei der Realisation“, ergänzt sie. Unter anderem auch in Zusammenarbeit mit Projekten wie care4future wolle man direkt zu den Schüler*innen in die Schulen gehen und sie für den Beruf begeistern. Auch Lehrer*innen würden auf sie zukommen und Projekte dieser Art begrüßen. Reaktionen wie „so etwas gibt es noch nicht, das brauchen wir für unsere Schüler“, seien nicht selten. Die Projekte sollen auch Pflegekräften und Angehörigen des Gesundheitswesens die Möglichkeit geben, sich untereiander zu vernetzen und auszutauschen.

Pflegenotstand zwischen rosa Zuckerwatte und Urlaubsbildern

Der Account von @thefabulousfranzi erfährt großen Zuspruch. Wie passen die manchmal sehr schweren Themen wie Pflegenotstand, Überlastung oder sogar Tod zur luftig-leichten Bildplattform Instagram? „Die wenigsten behandeln schwere Kost, genau das macht vielleicht auch den Erfolg aus“, meint Böhler. Sie glaubt, dass sich viele wünschen würden, auch in Social Media über vermeintliche Tabuthemen reden zu können. „Man hat eher Erfolg mit der rosa Zuckerwatte, aber ich denke, dass genau das den Kontrast ausmacht. Man kann ja selbst entscheiden, was für einen selbst den persönlichen Mehrwert hat“, erklärt sie weiter. Ehrliche Öffentlichkeitsarbeit sei der Influencerin wichtiger als Profilierung. Der öffentliche Diskurs über die Situation im Gesundheitswesen müsse weiter und intensiver geführt werden: „Wenn ich mal im Krankenhaus liege oder meine Angehörigen im Pflegeheim betreut werden, möchte ich für mich und sie eine optimale Versorgung. Alle Menschen sollten sich daher fragen: Was ist mir gute Pflege wert?“

Text: Anna Kirsten
©pixabay.com

Philipp Hartmann

Philipp Hartmann contec

Sie haben Fragen rund um das Thema Social Media im Gesundheitswesen? Sprechen Sie uns unverbindlich an!