„Von allem ein wenig, aber nichts Gescheites – bei der Generalistik gibt es mehr Fragen als Antworten“

Bernd Bogert
  • Montag, 31 Dezember 2018 11:00
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Wie schlecht steht es wirklich um unseren Pflegenachwuchs? Die Auszubildendenzahlen steigen zwar, aber der zu erwartende Bedarf an Pflegefachkräften wird damit nicht zu decken sein. Das Thema Pflegeausbildung kann in seiner Relevanz kaum überschätzt werden, prägt doch diese Phase maßgeblich, ob junge Pflegende sich nachhaltig mit ihrem Beruf identifizieren können. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und widmet dem Thema Ausbildung eine eigene Arbeitsgruppe in der Konzertierten Aktion Pflege. Auch auf dem 15. contec forum wird dem Thema Raum geboten und die Frage diskutiert: Reichen die Maßnahmen für eine langfristige Regenerierung des Pflegenachwuchses? Wir haben im Vorfeld einigen wichtigen VertreterInnen der Branche dieselben Fragen gestellt, um unterschiedliche Perspektiven auf Fragen der Generalistik, der Qualität, der Digitalisierung und der Wertschätzung in der Pflegeausbildung zu beleuchten.

Lesen Sie hier das Interview mit Bernd Bogert, Geschäftsführer der St. Gereon Seniorendienste gGmbH, einer der größten Ausbildungsträger der Altenpflege.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um den Pflegenachwuchs in Deutschland?

Der fehlende Nachwuchs ist aus meiner Sicht oft hausgemacht und ist auch der Klagekultur in der Pflege geschuldet. Das vorherrschende Bild in der Öffentlichkeit präsentiert ein schlechtes Image insbesondere in der stationären Altenpflege: anstrengend, schlechte Arbeitszeiten, keine gute Bezahlung etc. Wie soll hier bei jungen Menschen eine Begeisterung für die Ausbildung entstehen? Nur die Einrichtungen vor Ort können ein erfahrbares und attraktives Bild von sich und dem Berufsfeld zu generieren. Voraussetzung ist eine gute Mitarbeiterkultur, in der insbesondere die Mitarbeitenden ein gute Arbeit erleben und wertgeschätzt werden. Dies bedeutet z.B., dass für eine gute Lebensbalance gesorgt ist, in der Mitarbeitende Familie, Freunde und Beruf unter einen Hut bringen können. Dass die Arbeit nicht krank macht, sondern die Gesundheit durch die Arbeitsbedingungen erhalten und sogar gefördert wird. Vor allem, dass es Spaß macht, in diesem Beruf zu arbeiten und eine Ausbildung zu durchlaufen. Ein gutes und authentisches Arbeitgeber-Image wird insbesondere durch die Mitarbeitenden selbst – durch die Social-Media-Kanäle wie z.B. Facebook und durch Mund zu Mund Propaganda – in die Öffentlichkeit gebracht. Dann und auch nur dann, werden sich Menschen für die Pflege begeistern können und eine Ausbildung anstreben. Auch ist es wichtig, offen zu sein und auf die jungen Menschen zuzugehen. Ihnen muss vermittelt werden, dass es ein Beruf mit extrem positiven und sinnhaften Tätigkeiten ist. Deshalb sollte der Einstieg in die Ausbildung niedrigschwellig sein. Wir haben die besten Erfahrungen mit dem Slogan: „Bei Anruf Ausbildung“ und mit dem Projekt „care4future“ gemacht. Bei dem von contec entwickelten Konzept „care4future“ werden unsere Auszubildenden zu Botschaftern für den Altenpflegeberuf. Durch ihre Lehrtätigkeit in dem Wahlpflichtfach „Soziales“ an verschiedenen Gesamtschulen vermitteln sie ein authentisches Bild vom Beruf. Mein Fazit ist, dass die Altenhilfeträger es selbst in der Hand haben, Nachwuchs zu gewinnen. Da gibt es noch viel Luft nach oben und der Ruf nach einer politischen Lösung greift hier viel zu kurz.

Pflegeberufegesetz: Gut oder schlecht?

In meinen Augen ist das neue Pflegeberufegesetz schlecht und dafür gibt es mehrere Gründe:
Erstens: Aus drei spezialisierten Ausbildungen wurde eine Schmalspurausbildung gemacht. Es kann doch keiner ernsthaft glauben, dass bei gleichem Zeitkontingent die Lehrinhalte und das praktische Einüben auch nur annähernd so vermittelt werden können, wie dies bisher der Fall war. Von allem ein wenig, aber nichts Gescheites. Eine Schwierigkeit wird es auch sein, dass es insbesondere im ländlichen Bereich kaum genügend Fremdeinsatzmöglichkeiten in den Krankenhäusern geben wird, geschweige denn in der Pädiatrie. Ich sehe auch große Probleme darin, die praktischen Einsätze in den verschiedenen Einsatzgebieten zu begleiten. Die Auszubildenden brauchen ja nicht nur qualifizierte Praxisanleiter in ihrer Erstausbildungsstätte, sondern ebenso bei den „Fremdeinsätzen“. Woher sollen die Personalkapazitäten kommen, um die Auszubildenden qualifiziert anzuleiten? Da die Auszubildenden in der stationären Pflege zukünftig mit einer „Wertschöpfung“ angerechnet werden und dadurch qualifiziertes Pflegepersonal freigestellt werden muss, wird die Personaldecke dünner werden. Bereits jetzt fehlen tausende Mitarbeiter in der Pflege und am Bett. Was ist, wenn ein Auszubildender während seines Fremdeinsatzes erkrankt und er nicht auf seine Zeiten kommt. Muss er den Fremdeinsatz nachholen oder wird er nicht zur Prüfung zugelassen? Was ist, wenn der Praxisanleiter erkrankt? Muss die Anleitung nachgeholt werden? Es gibt mehr Fragen als Antworten.

Zweitens: Die erhoffte Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufes und damit mehr Bewerber und Bewerberinnen wird es nicht geben. Im Gegenteil: der aktuelle Run auf die Altenpflegeausbildung wird durch das Pflegeberufsgesetz zunichte gemacht. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen. In NRW haben bzw. hatten wir durch die umlagefinanzierte Ausbildung ideale Bedingungen. Dies zeigt sich darin, dass es in NRW im Jahr 21.500 Auszubildende in der Altenpflege gab, Tendenz steigend. Dies entspricht einer Steigerung von ca. 90 % gegenüber 2011. In der Krankenpflege ist der Trend dagegen rückläufig. In NRW gab es im Jahr 2017 ca. 18.000 genehmigte Plätze. Davon konnten nur ca. 16.000 belegt werden. Gewinner der Generalisitik werden deshalb die Krankenhäuser sein.

Welche Probleme sehen sie hinsichtlich der Qualität der Pflegeausbildung?

Durch die verschiedenen vorgeschriebenen praktischen Einsatzbereiche: Langzeitpflege, ambulante Pflege, Pädiatrie, Krankenhaus wird die Aneignung von grundlegenden praktischen Fähigkeiten leiden. Auszubildende, die bei einem Krankenhausträger ihre Ausbildung machen, müssen 10 Wochen im Pflegeheim eingesetzt werden. Altenpflege ist ein Beziehungsberuf. Welche Beziehungen zu BewohnerInnen bzw. zu den Mitarbeitenden kann man in dieser kurzen Zeitspanne aufbauen? Auszubildende aus der Altenpflege müssen 10 Wochen im Krankenhaus absolvieren. Pflegedirektoren haben mir erklärt, dass es schwierig sei, Pflegefachkräfte innerhalb eines Krankenhauses von einer Fachstation auf eine andere Fachstation zu versetzen. Jeder Bereich habe seine spezifischen Anforderungen. Mal schauen, welche Einsatzmöglichkeiten es dann für die „Praktikanten“ aus der Altenpflege geben wird. Erst recht mit dem Hinweis, dass sie auf den Stellenschlüssel angerechnet werden. Diese Zwangswechsel können nur als „reinschnuppern“ bezeichnet werden und nicht als qualitativ hochwertige Ausbildung.

Findet Ihrer Meinung nach eine ausreichende Vorbereitung auf die Digitalisierung im Arbeitsalltag statt?

Nein, und das geht auch nicht, weil wir mit der Digitalisierung kaum mehr Schritt halten. In der Altenpflegeausbildung gibt es keine Lehrinhalte zum Thema Digitalisierung und deren Anwendung. Die Jugendlichen haben in der Regel allerdings wenig Probleme mit digitalen Medien umzugehen. Sie haben sozusagen ein Grundverständnis. Gleichwohl digitalisiert sich die Altenpflege in bestimmten Bereichen: Pflegeplanungen und Dokumentationen werden bereits jetzt überwiegend in digitaler Form erstellt. Die Vermittlung von digitalen Fertigkeiten bleibt naturgemäß der Praxis vorbehalten. Dies ist ein fortlaufender Prozess.
Die Digitalisierung wird sich in naher Zukunft beschleunigen. Denkbar sind Pflege-, Service-, Kommunikations-, Schmuse-, Spiel-, Sexroboter. Wir diskutieren über virtuelle Welten, digitale Überwachungs- und Erkennungssysteme. Wir sprechen über Telemedizin. Hier stehen wir am Anfang. Wahrscheinlich reicht unsere Phantasie nicht aus, um uns vorzustellen, was grundsätzlich möglich ist. Um „hier mithalten zu können“, gehe ich davon aus, dass wir neue Berufsbilder (mit einem pflegerischen Grundverständnis) brauchen, da die Pflege damit überfordert ist. Pflege hat allerdings die große Aufgabe moralisch-ethische Grundlagen verbindlich festzulegen, um den Missbrauch zu verhindern.

Was sind Ihre Erwartungen an die Konzertierte Aktion Pflege?

Ich gehe davon aus, dass die „Konzertierte Aktion Pflege“ am Ende nur „heiße Luft“ ist und nichts in der Praxis ankommt. Die Politik verspricht beispielsweise 13.000 zusätzliche Stellen, die nicht zu besetzen sind, da es keine 13.000 arbeitslose Pflegende gibt. Es wird sicherlich Stellenwechsel geben. Davon profitieren zurecht die „guten Einrichtungen“. Deshalb hat man jedoch noch nicht mehr Pflegende. Da ist es auch keine Lösung, Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen. Vor einigen Jahren hat man beispielsweise arbeitslose spanische Krankenpflegekräfte nach Deutschland geholt. Diese waren innerhalb kürzester Zeit wieder in Spanien. Grund waren die „ungewohnten“ Arbeitsbedingungen in Deutschland. Auf die Idee, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, sind allerdings auch andere Länder, mit besseren Arbeitsbedingungen, besseren Verdienstmöglichkeiten und mit größerem Erfolg gekommen.
Auch in Zukunft hängt die Personalbindung von der Attraktivität des Arbeitgebers vor Ort ab. Dann wird dieser auch „sein Personal“ finden und behalten und Berufsaussteiger und Teilzeitkräfte zurückholen können. Der Politik kann man den generellen Vorwurf machen, dass sie vor 20 Jahren den „Pflegemarkt“ eröffnet hat. Dadurch traten und treten verstärkt börsennotierte Konzerne auf, die nicht das Wohl ihrer Mitarbeitenden oder das Gemeinwohl im Vordergrund sehen, sondern ihre Rendite. Dies hat aus meiner Sicht dazu beigetragen, dass das Image in der Pflege schlecht ist. Um das Image langfristig flächendeckend zu verbessern, brauchen wir mehr „gelebte Solidarität im Sozialraum“. Für die Politik würde dies bedeuten, dass sie eine Abkehr vom „Pflegemarkt“ und eine Renaissance der Förderung von gemeinnützigen Trägern, die im Gemeinwesen verankert und getragen werden, wieder einführt. Nur lokal ist da sozial.

Welche Gründe bewegen Jugendliche dazu, eine Ausbildung zu beginnen/nicht zu beginnen?

Die sogenannte Mund-zu-Mund-Propaganda und Facebook und Co. sowie der erste Eindruck, den der Arbeitgeber hinterlässt, sind entscheidend. Berichten Menschen authentisch über positive Erfahrungen mit dem Arbeitgeber, ist eine Bereitschaft da, Kontakt aufzunehmen. Diese sollte „barrierefrei“ sein. Konkret: wenn die gesetzlich geforderten Voraussetzungen erfüllt sind (Hauptschulabschluss, 16 Jahre alt, nicht einschlägig vorbestraft), erhält der Interessent bereits bei einem Anruf die Zusage. Erleben die Jugendlichen dann Wertschätzung in einem respektvollen und guten Betriebsklima, in dem die alten Menschen durch das Engagement der Jungen „ein gutes Leben“ führen können, machen sie die Ausbildung.

Welchen Stellenwert hat die Akademisierung der Pflege im momentanen Kontext?

Mit Einführung der Generalistik wird ergänzend ein berufsqualifizierendes Pflegestudium eingeführt. Hier sollen insbesondere junge Menschen mit Abitur angesprochen werden, denn immerhin ca. 50% der Schulabgänger haben Abitur. Bisher war das Interesse von Abiturienten an einer Ausbildung in der Pflege eher bescheiden. Die entscheidende Frage ist also, was die Pflegehochschulabsolventen machen können/wollen/müssen. In dem Bestreben, die pflegerische Versorgung von Menschen mit Hilfebedarf zu verbessern, wurde nie darüber diskutiert, dass es an akademischen Pflegekräften mangelt. Wir haben in der Pflege kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Wir brauchen also nicht mehr Wissenschaftler, die Pflege erforschen, wir brauchen mehr Mitarbeitende in der Pflege, die „am Bett arbeiten“. Die Diskussion ist, ob akademisch ausgebildete Pflegekräfte, für den Lohn einer Pflegefachkraft bereit sind, auch „am Bett zu arbeiten“. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Pflegekräfte mit einem akademischen Grad Leitungsfunktionen mit einer höheren Bezahlung anstreben und in der Regel auch bekommen. Aber wie gesagt, wir brauchen „mehr Indianer und weniger Häuptlinge“.
Von daher bleibt es spannend, ob und wie viele Abiturienten sich für den Beruf der Pflege erwärmen können bei den zweifelhaften Karriereaussichten.