„Wir gestalten Zukunft“: Wie das BTHG zur Chance wird

Wir gestalten Zukunft
Montag, 16 Dezember 2019 16:10

Peter Kaiser, Vorstandssprecher des Evangelischen Diakoniewerks Zoar, befürchtet, dass durch das „Verwaltungsmonster BTHG“ das eigentliche und primäre Ziel des Gesetzes, nämlich mehr Teilhabe und Selbstbestimmung für die Betroffenen, aus dem Blick geraten könnte. Aber ungeachtet aller Probleme, die das Gesetz mit sich bringt, sehen er und seine Mitarbeitenden in eben diesem Ziel eine einzigartige Chance, Prozesse und Strukturen der Organisation neu zu denken – nämlich aus der Perspektive derjenigen, die die Leistungen in Anspruch nehmen. Innerhalb der letzten zwei Jahre entstand so aus dem Projekt „WIR sind alle BUNT“ ein verbindlicher Aktionsplan: „Wir gestalten Zukunft“.

Dem BTHG zuvorgekommen

Peter Kaiser

Vor etwa sechs Jahren, bei einer Zukunftskonferenz des Trägers, in der es um die Dezentralisierung der großen Einrichtungen der Eingliederungshilfe bei Zoar ging, wurde der Grundstein für das gelegt, was später das Projekt „WIR sind alle BUNT“ sein sollte. „Bei der Ideenentwicklung von dezentralen Angebotskonzepten haben wir schnell gemerkt, dass diejenigen, die davon profitieren sollten, nämlich unsere Kunden und Kundinnen mit Behinderungen, nur in Teilen eingebunden wurden. Wir wollten ja nicht an den Bedarfen vorbeiplanen und wer weiß schon besser, auf welche Bedarfe wir reagieren müssen, als eben die Menschen, für die wir diese Angebote entwickeln“, so Peter Kaiser. „Das BTHG hat uns dann nur noch in dem Vorhaben bestärkt, unsere Klienten und Klientinnen in einen Organisationsentwicklungsprozess einzubeziehen, der eben einfach nur gemeinsam zu bewältigen ist.“ Im September 2017 startete das Projekt „WIR sind alle BUNT“ mit einem großen Kick-Off, zu dem insgesamt rund 300 Menschen – Mitarbeitende, Menschen mit Handicap und deren Angehörige oder Betreuer*innen – kamen und mitdiskutierten.

„WIR sind alle BUNT“ wird „Wir gestalten Zukunft“

In verschiedenen Arbeitsgruppen wurden die Kernthemen „Wie wollen wir wohnen“, „Wie wollen wir miteinander umgehen“, „Wie wollen wir arbeiten“ und „Partnerschaft und Zweisamkeit“ zusammen mit Mitarbeitenden sowie mit Menschen, die bei Zoar leben oder arbeiten, erarbeitet. Ziel war ein Aktionsplan, der im September 2019 verabschiedet wurde. Dieser enthält sowohl Maßgaben zur Kommunikation, um eine Haltungsänderung deutlich zu machen – z. B. wird künftig nicht mehr von „Taschengeld“, sondern von „Barauszahlung“ gesprochen und „Prämie“ heißt fortan „Lohn“ – als auch konkrete Maßnahmen zur Partizipation der „Nutzer*innen“, indem sie beispielsweise bei Vorstellungsgesprächen dabei sind. Außerdem gibt der Aktionsplan konkrete Handlungsanweisungen für den respektvollen Umgang miteinander, so muss z. B. vor Betreten eines Zimmers immer angeklopft werden. „Ein wichtiger Punkt für die Stärkung der Menschen, die unsere Arbeitsangebote nutzen, ist die obligatorische Entwicklung von sogenannten Fähigkeitsprofilen“, so Nadja Bier, Projektkoordinatorin und maßgebliche Initiatorin von „WIR sind alle BUNT“. „Es geht darum, vorhandene Kompetenzen abwechslungsreicher einzusetzen und den Mitarbeitenden in den Werkstätten ein breiteres Angebot machen zu können.“ Insgesamt umfasst der Aktionsplan 16 Punkte, die das Miteinander in dem gesamten Träger voll und ganz auf Partizipation und Personenzentrierung ausrichten.

„Ureigenes Interesse“: Stark für den Wettbewerb

Mit dem Beteiligungsprozess in der Organisationsentwicklung schlägt Zoar zwei Fliegen mit einer Klappe. „Am Markt bestehen wird in Zeiten des Paradigmenwechsels BTHG nur, wer seine Angebote an den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer*innen ausrichtet. Der Anbietermarkt wird zum Nachfragermarkt“, betont Peter Kaiser. „Unsere Assistenzleistungen müssen marktgerecht sein, denn mit mehr Selbstbestimmung geht auch mehr Wahlfreiheit einher.“

Vom Papier in die Umsetzung: Obligatorische Workshops für alle Mitarbeitenden

Nadja Bier

Peter Kaiser erinnert sich, dass es ein weiter Weg war – vom großen Kick-Off bis hin zum verbindlichen Aktionsplan. „Die Initiative ging trägerintern von der Eingliederungshilfe aus. Die Menschen, die unsere Angebote nutzen, sind hochmotiviert, sie selbst mitzugestalten und unsere Mitarbeitenden in der Eingliederungshilfe waren dem gegenüber sehr aufgeschlossen.“ Aber auch in anderen Bereichen des Komplexträgers wie der zentralen Verwaltung und den internen Services ist die Notwendigkeit mittlerweile deutlicher geworden – die Berührungspunkte mit der inhaltlichen Arbeit sind dort etwas geringer. „Und auch die Altenhilfe, in der wir viele Angebote vorweisen und die vielerorts noch von dem Fürsorge-Gedanken geprägt ist, spüren wir eine Haltungsänderung, eine Art Rollenverschiebung hin zur Assistenz“, so Kaiser. „Diese Haltung gilt es nun zu verfestigen und im ganzen Unternehmen zu verankern.“

Um dieses Ziel zu erreichen, sind alle Mitarbeitenden verpflichtet, an mindestens einem Workshop teilzunehmen, der sich mit dem Leitthema „Wir gestalten Zukunft“ auseinandersetzt. „Für die Umsetzung des Aktionsplans haben wir eigens eine Stelle geschaffen. Mit Anja Seepe haben wir nun eine Projektleiterin, die sich komplett der Sache annimmt“, so Nadja Bier. „Ihre Aufgabe wird es sein, die Workshops zu koordinieren und thematisch zu begleiten.“ In den Workshops werden alle Kernpunkte des Aktionsplans bearbeitet, aber einzelne Schwerpunkte je nach persönlichem Interesse gelegt. „Frau Seepe arbeitet für die Workshops mit Multiplikator*innen zusammen. Das sind in der Regel Mitarbeitende, die eine Moderationsschulung bekommen haben, um das Leitthema in die entsprechende Einrichtung zu tragen“, erläutert Peter Kaiser. Die Workshops selbst werden von je zwei Mitarbeitenden und zwei Expert*innen, also Menschen mit Behinderungen, paritätisch besetzt durchgeführt. „Wir haben rund 1.600 Mitarbeitende – bis wir alle entsprechend des Leitbilds geschult haben, liegt noch ein langer Weg vor uns. Aber es wird sich lohnen, ihn zu gehen“, so Peter Kaiser.

Peter Kaiser und Nadja Bier werden das Projekt „WIR sind alle BUNT“ sowie den Weg zum Aktionsplan beim 2. Zukunftsforum Soziale Arbeit am 5. und 6. Mai 2020 in Berlin vorstellen. Hier wird es vor allem um den Managementaspekt eines so großen Organisationsentwicklungsprojekts gehen.

Text: Marie Kramp
©muro/adobe.stock

Birgitta Neumann

Birgitta Neumann contec

Sie haben Fragen rund um das Thema Organisationsentwicklung im Kontext des BTHG? Sprechen Sie uns einfach unverbindlich an!

Unsere Leistungen
in diesem Bereich