Digitalisierung und Sozialwirtschaft: Was braucht es für den großen Wurf?

IT Sozialwirtschaft
Montag, 09 November 2020 09:45

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht im öffentlichen und medialen Diskurs darüber sinniert wird, dass Corona als „Katalysator der Digitalisierung“ fungiere. „Digitalisierung“ – das ist hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn wohl jeder Mensch versteht darunter etwas anderes. Wir fragen etwas provokativ: Drückt auch die Sozialwirtschaft in puncto Digitalisierung jetzt aufs Gaspedal oder werden, im Gegenteil, ernsthafte Digitalisierungsbestrebungen durch die oberflächliche und reaktive Beschäftigung mit virtuellen Kommunikationsformaten sogar blockiert? Außerdem wollen wir einen Blick auf die tatsächlichen Handlungsbedarfe der Sozialwirtschaft bei der Digitalisierung werfen und dabei auch die Frage nicht scheuen: Wen (i.S.v. Persönlichkeit und Kompetenzen) und was (i.S.v. organisationalen Voraussetzungen) braucht es dafür?

Mehr Bedarf an qualifiziertem IT-Personal

Simon Kalisch, Projektleiter bei conQuaesso® JOBS, erhält seit einiger Zeit immer mehr Anfragen von Kund*innen für die Besetzung von IT-Positionen, oft in leitender Funktion. Der vorherrschende Tenor: Es soll ein Leiter oder eine Leiterin für die IT her, der bzw. die sowohl das Team leitet, den Support koordiniert und sicherstellt und gleichzeitig das Unternehmen durch die digitale Transformation führt. „Wir begrüßen die Trendwende in der Branche, nicht mehr ausschließlich auf klassischen IT-Support zu schauen. Die Digitalisierung eines Unternehmens ist ein langer, strategischer Prozess, für den es zeitliche und finanzielle Ressourcen braucht, aber eben auch und vor allem sehr spezielle Kompetenzen und Qualifikationen, die zum Teil weniger in der klassischen IT liegen als im Management und der Projektleitung. Gesucht sind also spezielle Persönlichkeiten, die es am Markt noch nicht wie Sand am Meer gibt. Wir klären deshalb immer zunächst das Anforderungsprofil mit den Kunden, um unsere Netzwerke dann entsprechend zu aktivieren. Wen suchen sie und ist es mit einer reinen Stellenbesetzung getan oder stecken da größere Organisationsentwicklungspotenziale hinter?“, so Simon Kalisch.

IT ist nicht gleichzusetzen mit Digitalisierung

Ähnliche Erfahrungen macht auch Prof. Dr. Dietmar Wolff, Vorstand beim FINSOZ e. V., Hochschulprofessor an der Hochschule Hof und Gesellschafter bei ConsultSocial. „Die aktuellen Probleme bei der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft liegen in einer Lücke zwischen dem, was die Fachabteilung IT kann und glaubt, tun zu müssen, und dem, was die Führungsebene sich vorstellt. Diese Lücke gilt es zu schließen und dann wird man feststellen, dass IT und Digitalisierung nicht gleichzusetzen sind“, so Prof. Wolff. Zwar könne die IT mittlerweile deutlich mehr leisten, als in der Praxis abgerufen werde, aber „Support, die Sicherstellung von Verfügbarkeit, Sicherheit und Verbindlichkeit machen eben noch kein digitalisiertes Unternehmen aus“, so der IT-Experte.

Corona als Digitalisierungs-Katalysator?

Ob die steigende Nachfrage nach Unterstützung in der Personalberatung im IT-Bereich der Sozialwirtschaft wohl auch mit der andauernden Pandemie und der damit notwendig gewordenen Umstellung auf digitales Arbeiten zusammenhängt? Simon Kalisch glaubt, dass der Bedarf an guten und qualifizierten Persönlichkeiten, die die beiden Welten der Sozialwirtschaft und der Informationstechnologie übereinbringen können, an sich zunehme, aber die Corona-Krise habe ihn verschärft. „Auch in der Sozialwirtschaft wurde so viel wie möglich in die virtuelle Welt verlegt, Homeoffice in der Verwaltung, Team-Meetings und Übergaben via Video-Chat etc. Da braucht es erstens Expert*innen, die sich in den verschiedenen Softwares und der nötigen Hardware auskennen, diese möglichst kostengünstig beschaffen und die Mitarbeitenden schulen – kurz: ad hoc mobiles Arbeiten ermöglichen“, so Kalisch. „Zweitens aber brauchen wir Persönlichkeiten, die aus diesen Schritten konkrete Veränderungsbedarfe und Digitalisierungsstrategien ableiten, die New Work denken und umsetzen und so den Träger bei der Transformation unterstützen“, ergänzt der Personalberater. Prof. Dietmar Wolff warnt davor, den Fokus zu sehr auf den ersten Aspekt zu legen: „Wir waren vor der Pandemie zum Teil viel weiter, haben uns mit der Digitalisierung ganzer Geschäftsprozesse in sozialen Unternehmen befasst und jetzt scheinen manche zu glauben, mit der Einführung von Microsoft Teams wäre alles getan. Dabei wird nicht nur übersehen, dass die Nutzung bestimmter Software bei weitem noch keine Digitalisierung ist, sondern es wird systematisch vergessen, dass die Digitalisierung ein gewisses Mindset voraussetzt. Man darf solche Entscheidungen nicht übers Knie brechen“, so Wolff. Der Tipp der Experten: Erste Bestrebungen durch Corona nicht mit der echten Digitalisierung eines Unternehmens verwechseln.

Was braucht es für den großen Wurf Richtung Digitalisierung?

Jede soziale Organisation ist unterschiedlich und genauso individuell sind die Bedarfe in der Digitalisierung. Diese erst einmal zu identifizieren und dann darauf basierend die notwendigen Schritte einzuleiten, das rät Prof. Wolff. „Ob es dann eine starke IT-Abteilung mit vielen Mitarbeitenden und einem bunten Qualifikationsmix ist oder ob eine eigene Stabsstelle Digitalisierung geschaffen wird, das muss im Einzelfall geschaut werden“, so der IT-Experte. Fakt ist: „Digitalisierung wird nicht nebenbei gemacht. Das eine bedeutet, den Laden am Laufen zu halten, das andere bedeutet, auch mal Neues zu wagen und gegebenenfalls Fehler zu machen.“

Nach einer Bedarfsanalyse muss das Unternehmen sich entscheiden, ob es neu einstellen möchte bzw. kann oder ob mit dem vorhandenen Personal die gewünschten Digitalisierungsmaßnahmen angegangen werden. Dietmar Wolff empfiehlt hier eine Potenzialanalyse. „Ich erlebe immer häufiger, dass junge, ambitionierte und gut ausgebildete IT’ler in der Sozialwirtschaft durchaus das Potenzial haben, so entwickelt zu werden, dass sie die digitale Transformation eines Trägers begleiten und verantworten können. Aber dazu muss man genau hinsehen.“ Das bestätigt Simon Kalisch: „Eine Potenzialanalyse bzw. ein Kompetenzprofil können systematisch mit dem Anforderungsprofil abgeglichen werden, dass die Organisation im Vorfeld erarbeitet hat. Unter Umständen sind eine Restrukturierung der Abteilung und ein internes Talentmanagement der richtige Weg“, so Simon Kalisch. Ist diese Option nicht gegeben und man möchte neu einstellen, ist der richtige Blickwinkel entscheidend.

Gibt es den perfekten IT’ler?

Anika Selle ist Leiterin Recruiting bei conQuaesso® JOBS und hat schon viele Stellenausschreibungen für IT’ler erarbeitet, sie verantwortet u. a. die Personalakquise in einem großen Projekt, in dem gleich mehrere IT-Positionen für einen Kunden besetzt werden. Sie hat die Bedürfnisse der Kunden und Kundinnen analysiert und weiß, dass es oftmals mehr braucht als eine gute Kenntnis der Hard- und Software, wenn man auf der Suche nach einer neuen Kraft im IT-Bereich ist. „Wichtig ist eine genaue Analyse der Kompetenzen, die der Kunde für die Umsetzung seiner Ziele benötigt. Deshalb müssen wir auch wissen, ob wirklich eine Leitung IT oder ob nicht dringender ein*e Projektmanager*in IT gesucht wird. Das sind unterschiedliche Anforderungsprofile“, so Anika Selle. „Schon gut qualifizierte IT-Fachkräfte, die die Besonderheiten der Sozialwirtschaft kennen und verstehen, sind rar. Doch möchte ich jemanden finden, der einen Transformationsprozess begleitet, dann stehen in dem Anforderungsprofil Kompetenzen wie Kundenorientierung, Projektmanagement, Prozessmanagement, Personalführung und viele andere Skills noch vor der klassischen Technik-Affinität“, ergänzt sie. Diese sei basale Anforderung, aber eben nicht immer alles.

Digitalisierung und Sozialwirtschaft – quo vadis?

Die Beobachtungen unserer drei Expert*innen zeigen: Die Sozialwirtschaft hat die Handlungsnotwendigkeit zwar erkannt, aber scheut sich hier und da noch, die Umsetzung der Digitalisierung strategisch anzugehen. Da kommt eine „Alibi-Digitalisierung“, wie Corona sie zu begünstigen scheint, gerade recht. Dabei wird aber ein Denk-Schritt verfehlt, der gar nicht mal so unwichtig ist: Die Anforderungen an soziale Organisationen steigen. Die Digitalisierung nicht als zusätzliche Bürde zu sehen, die man lieber aufschiebt, sondern sie als Möglichkeit zu verstehen, diese hohen Anforderungen besser zu meistern, könnte viele Probleme lösen. Ein Beispiel dafür ist das Positionspapier, das der FINSOZ e. V. zusammen mit dem vediso e. V. verfasst hat. Darin geht es um die IT-gestützte Vereinheitlichung von Abrechnungswegen zwischen Leistungsträgern und -erbringern im Zuge der Umstellung auf die personenzentrierte Leistungserbringung, die das BTHG vorsieht und die nun nach und nach umgesetzt wird. Wenn hier frühzeitig eine Digitalisierungsstrategie inklusive besserer branchenweiter Vernetzung und die Umsetzung des BTHG zusammengedacht werden, wäre die Branche auf einen Schlag in beiden Bereichen ein ganzes Stück weiter. Dietmar Wolff hat aber Verständnis: „Die beteiligten Akteure des Sozialrechtlichen Dreiecks sind so sehr damit beschäftigt, die Leistungen sauber zu trennen und die Verwaltung umzustellen, dass es im Moment wenig Platz für anderes gibt, wenn es nicht zwingend notwendig ist.“ Ähnlich wird es wohl auch der freien Jugendhilfe gehen, wenn nächstes Frühjahr wie von Bundesfamilienministerin Giffey angekündigt die SGB VIII-Reform in Kraft tritt. „Die Pflege allerdings hat ihre größten Reformen der letzten Jahre durch, hier könnte man sich schon etwas stärker der strategischen Digitalisierung widmen“, meint Dietmar Wolff.

Anika Selle und Simon Kalisch sind zuversichtlich, dass die vermehrten Anfragen für den Bereich der IT, der dringende Wunsch der Kunden, Persönlichkeiten zu finden, die mehr als nur Support können und auch die ersten positiven Erfahrungen mit der Digitalisierung durch Corona einen Trend voraussagen: Den Trend der strategischen Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft.

Text: Marie Kramp
© mohamed_hassan

Simon Kalisch

Simon Kalisch contec

Sie suchen erfahrene Leitungs- oder Fachkräfte für die IT? Oder sind Sie auf der Suche nach der passenden Persönlichkeit, die Ihre Organisation durch die digitale Transformation begleitet? Sprechen Sie uns unverbindlich an, gemeinsam finden wir die richtige Besetzung für Ihre Schlüsselpositionen!