Fachkräftesicherung mit care4future® – von der Idee zum Serienprodukt

Fachkräftesicherung
Dienstag, 28 April 2020 10:40

Innovation Teil II: Ein Thema mit existenzieller Bedeutung für die Zukunft der Pflege ist die nachhaltige Fachkräftesicherung. Die Fachkräfteinitiative care4future® setzt als innovative Lösung an diesem Punkt an. Entlang der Entstehung der Initiative lässt sich zugleich modellhaft ein erfolgreich durchlaufener Innovationsprozess nachzeichnen. Lesen Sie in diesem Beitrag, wie aus einer Idee ein Serienprodukt – im Sinne einer etablierten Initiative – werden kann.

Die Initiative care4future hat ein klares Ziel: „Schülerinnen und Schüler für die Pflege begeistern“. Die Funktionsweise ist schnell erklärt: care4future vernetzt auf regionaler Ebene allgemeinbildende Schulen mit Pflegeschulen und Pflegeunternehmen. Gemeinsam werden in diesen Netzwerken bis zu einjährige Curricula für nachhaltige Berufsorientierungskurse in der Sekundarstufe I allgemeinbildender Schulen entwickelt. So können häufig bestehende Vorurteile bei Jugendlichen frühzeitig abgebaut werden. Stattdessen wird eine positive, offene Einstellung gegenüber älteren und kranken Menschen und dem Pflegeberuf gefördert. Übergreifendes Ziel ist auch eine generelle Imageverbesserung der Pflege.

Ein besonderes Charakteristikum des Konzepts ist der Ansatz des Peer-Learnings: Auszubildende der Pflegeschulen führen als Botschafter*innen ihres Berufs die Kurseinheiten durch. Das Herzstück eines care4future-Kurses ist der Praxiseinsatz in den teilnehmenden Einrichtungen, der oft auch in mehrere Etappen erfolgt. In den theoretischen Einheiten wird insbesondere der Praxiseinsatz intensiv vor- und nachbereitet.

Fachkräftesicherung als Innovationsprozess

Am Beispiel der Entwicklung von care4future kann der contec-Innovationsprozess illustriert werden. Er besteht aus den fünf Phasen „Ideengeneration“, „Exploration“, „Prototypentwicklung“, „Transfer & Optimierung“ sowie „Skalierung & Standardisierung“. Die Geschichte von care4future beginnt entsprechend mit der „Ideengeneration“, konkreter mit einer Idee zur Veränderung aus der Praxis heraus. Diese entstand 2008 im Kontext einer bereits bestehenden Kooperation zwischen einer allgemeinbildenden Schule und einer Pflegeeinrichtung in Papenburg.

In der folgenden Phase der „Exploration“ wurden die Umsetzbarkeit und Risiken der Idee untersucht und in einen größeren Kontext gebracht. Es zeigte sich, dass bislang in der schulischen Berufsorientierung nur punktuelle Berührungspunkte mit der Pflege vorhanden waren. Gleichzeitig war aber bei den relevanten Stakeholdern, also bei potenziellen Innovationstreibern und -trägern, der notwendige Handlungswille vorhanden. In dieser Phase war die Erstellung eines praxisorientierten Handlungsleitfadens entscheidend.

Im Zuge der „Prototypentwicklung“ wurde care4future auf den Grundpfeilern der Idee des Peer-Learnings und der Vernetzung lokaler Stakeholder entwickelt. Im Rahmen eines Projekts der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales wurde der entwickelte Handlungsleitfaden in Pilotregionen getestet und evaluiert.

In der nächsten Phase „Transfer & Optimierung“ ging es darum, einen entwickelten Prototypen auf andere Kontexte zu übertragen. Zwischen 2013 und 2016 wurde das Projekt zunächst nur wenig nachgefragt. Der Bedarf war noch nicht groß bzw. spürbar genug. Es wurden aber vereinzelte Netzwerke, z. B. mit der AWO Sachsen-West, aufgebaut. Besonders ausgeprägt konnte der Innovationsschritt dann im Rahmen der landesweiten Umsetzung in Rheinland-Pfalz erfolgen. In den Projekten „Nachwuchssicherung in den Pflegeberufen I und II“ des Landesministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie von Ende 2016 bis Ende 2018 wurden insgesamt 39 Netzwerke etabliert.

Nachhaltigkeit und Anschlussfähigkeit

Die Möglichkeit des Transfers ist bei care4future aufgrund der Flexibilität des Konzepts bereits im Grundsatz angelegt. Das dezentral funktionierende Konzept zur Fachkräftesicherung kann an regionale Bedingungen sowie die Bedürfnisse und Ressourcen der Akteur*innen angepasst werden. Die Umsetzung kann in Form und Umfang variieren. Ebenso ist die Zahl der Partner*innen flexibel: Mehrere Unternehmen oder Schulen können ein Netzwerk bilden. Auch Akteur*innen wie die örtliche Arbeitsagentur oder die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) können das Netzwerk ergänzen.

In der finalen Phase der „Standardisierung & Skalierung“ befindet sich das Projekt bis heute. Ziel ist es, aus Einzelprojekten einen Standard zu generieren. Das kann bzw. konnte für care4future durch die kontinuierliche Weiterentwicklung des Leitfadens sowie des Gesamtprojekts gelingen. Die bereits erfolgreiche Skalierung lässt sich an der bundesweiten Verbreitung und wachsenden Netzwerkzahl, bis heute über 70, ablesen.

Zum Zweck der Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der Netzwerke und Kurse findet nach einer care4future-Projektdurchführung ein abschließendes Treffen zur Reflexion und möglicherweise Planung des folgenden Schuljahrs statt. Die Rolle des bei contec angesiedelten care4future-Teams liegt vor allem in der Unterstützung der Netzwerkpartner*innen bei der langfristigen Etablierung ihres Netzwerks und der Entwicklung und Umsetzung der Kurse, zumindest beim ersten Durchlauf. Die gemeinsame Arbeit soll die Partner*innen letztlich befähigen, das Projekt in vertrauensvoller Kooperation selbst fortzuführen.

In einzelnen Netzwerken wird eine ausführliche Evaluation durchgeführt. Gerade die Antworten der Schüler*innen liefern wertvolle Erkenntnisse. So zeigte die Evaluation des Landesprojekts in Rheinland-Pfalz, dass sich das Bild der Pflege der teilnehmenden Schüler*innen verbessert hat – unabhängig von der Dauer des Kurses. Ein Erfolgsbeispiel sind auch die Netzwerke der AWO Sachsen-West mit mittlerweile sechs Standorten. Hier konnten seit 2014 rund 50 Auszubildende gewonnen werden. In der Eigendynamik des Netzwerks sind auch Formen der Zusammenarbeit mit Schüler*innen über die Pflegeausbildung hinaus entstanden.

Win-Win und neue Chancen

Die Finanzierung eines care4future-Projekts zur Fachkräftesicherung ist über die Pflegeunternehmen bzw. ihre Träger oder auf Ebene der Kommunen oder Länder möglich. Die Suche nach Innovationstreibern und -trägern, die care4future in der Praxis umsetzen, gelingt deshalb vielerorts gut, da nicht nur die Schüler*innen, sondern alle beteiligten Akteur*innen profitieren. Die allgemeinbildenden Schulen erweitern ihr Berufsorientierungsangebot. Die unterrichtenden Pflegeschüler*innen erwerben didaktische Kompetenzen. Die Pflegeschulen profitieren vom strukturierten Austausch mit den Pflegeunternehmen. Die Unternehmen selbst treten frühzeitig in Kontakt zu potenziellen Auszubildenden, positionieren sich als attraktiver Arbeitgeber und etablieren eine dauerhafte Recruiting-Maßnahme. Länder und Kommunen profitieren schließlich von einer höheren Attraktivität des Standorts für junge Auszubildende.

Abschließend kennzeichnet care4future als innovative Lösung zur Fachkräftesicherung auch die Anschlussfähigkeit: Die Initiative bietet eine Chance im Rahmen der generalistischen Pflegeausbildung und kann Brücken zwischen verschiedenen Bereichen der Pflege schlagen. Zudem konnte das Konzept bereits theoretisch auf die Ausbildung in erzieherischen Berufen übertragen werden. Die Pilotierung in der Praxis ist in der konkreten Planung.

Text: Linda Englisch
© Foto: REDPIXEL/AdobeStock

Sina Steffen

Sina Matysek contec

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