Pflegemanagement: Neuer Blickwinkel auf Pflege durch akademische Ausbildung

Pflegemanagement
Mittwoch, 18 September 2019 11:09

Akademisierung Teil IV: Sebastian Sudhoff steht vor dem Abschluss seines Pflegemanagement-Studiums (B. A.). Er hat Berufserfahrung als Altenpfleger und Wohnbereichsleiter in der vollstationären Pflege. Aktuell arbeitet er bei contec als Organisationsberater. Im Interview berichtet er aus der Perspektive des Pflegeakademikers über das Potenzial einer akademischen Ausbildung – das aus seiner Sicht noch zu wenig genutzt wird.

Herr Sudhoff, wie war Ihr beruflicher Werdegang?

Sebastian Sudhoff: Mein FSJ im Betreuungsdienst einer stationären Pflegeeinrichtung machte mich neugierig auf die aktive Pflege. Im Anschluss konnte ich sofort mit der dreijährigen Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft beginnen. Zum Ende des zweiten Ausbildungsjahres habe ich parallel, in Absprache mit PDL, EL und den Lehrkräften der schulischen Ausbildung, ein Studium an der Hamburger Fern-Hochschule im B. A. „Pflegemanagement“ begonnen. Nach dem Ausbildungsabschluss habe ich im ersten Jahr als Pflegefachkraft in meinem Ausbildungsbetrieb gearbeitet. Dann erhielt ich die Chance, in einem Unternehmen zunächst die stellv. Wohnbereichsleitung und wenig später die Wohnbereichsleitung zu übernehmen. Nach eineinhalb Jahren in diesen Positionen stieg ich dann bei contec ein.

 Welche Beweggründe hatten Sie für eine akademische Pflegequalifikation?

Während der Ausbildung merkte ich relativ schnell, dass ich als Pflegefachkraft ohne zusätzliche Qualifikation nicht, oder nur begrenzt, die Möglichkeit haben würde, die sich verändernden Problemstellungen in der Pflege aktiv mit zu bearbeiten. Mein Interesse richtete sich neben dem Kernprozess ‚Pflege‘ auch auf die unterstützenden Prozesse. Gerade in Anbetracht der knappen personellen Ressourcen in der Pflege erkannte ich schnell das Entwicklungspotenzial in der Ablauforganisation und wollte sie aktiv steuern können – zum Wohl der Bewohner*innen wie auch der Pflegekräfte.

Wie hat sich Ihr Blick auf die praktische Altenpflege durch Ihre hochschulische Qualifikation verändert?

Durch die akademische Ausbildung hat sich meine Sichtweise sehr verändert. Wenn ich heute Pflegesituationen betrachte, nehme ich einen anderen Blickwinkel ein. Ich berücksichtige alle Faktoren und nicht nur den unmittelbaren Pflegeprozess. Vor meinem Studium fehlten mir dazu die ‚Puzzleteile‘, die nun das Gesamtbild vervollständigen. Ich habe immer mehr hinterfragt, berücksichtigt und verstanden. Das war ein wichtiger und lehrreicher persönlicher Prozess, der mich darauf vorbereitet hat, in unterschiedlichen Situationen sowie unterschiedlichen Organisationen ziel- und lösungsorientiert zu agieren.

Wie werden/wurden Sie auf die Pflegepraxis bzw. Pflegemanagement-Praxis seitens der Hochschule konkret vorbereitet?

Das Lehrmaterial ist sehr praxisorientiert aufgebaut. Durch reale Fallbeispiele funktioniert der Wissenstransfer in die eigene Pflegetätigkeit gut. Zusätzlich werden in einzelnen Themenfeldern (z. B. Kommunikation) Rollenspiele durchgeführt, um das erworbene Wissen anzuwenden. Vorträge und Präsentationen waren rhetorische Lektionen, die zudem auch die Scheu davor, eine Position einzunehmen, abgebaut haben.

Pflegemanager*innen sollten einen dauerhaften Zugang zu aktueller pflegewissenschaftlicher Literatur haben. Dafür ist ein strukturiertes Wissensmanagement notwendig. Durch die Erstellung von Hausarbeiten innerhalb des Studiums habe ich Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens gelernt und bin im Umgang mit neuen Fachpublikationen in der Managementpraxis gut geübt. In einem mehrwöchigen Hauptpraktikum konnte ich eine Leitungsaufgabe übernehmen und diese in einem anschließenden Praktikumsbericht darstellen, analysieren und kritisch hinterfragen.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Pflegepraxis mit Ihrer Qualifikation gemacht?

Insbesondere habe ich festgestellt, dass meine Qualifikation im Bewerbungsverfahren immer die Eintrittskarte für eine Einladung zum Gespräch war. Ich bin davon überzeugt, dass mir diese Gelegenheiten mit einer pflegerischen Grundausbildung verwehrt geblieben wären, da ich mich immer auf Jobs mit höherer Qualifikation und Erfahrung beworben habe. In der Praxis merke ich jedoch die Voreingenommenheit von Pflegekräften gegenüber meiner akademischen Qualifikation. Diese relativiert sich wiederum schnell, wenn die Pflegekräfte merken, dass ich mich an der Basis auskenne und von dort komme. Einige ‚alteingesessene‘ Leitungskräfte haben große Probleme mit jungen akademisch ausgebildeten Führungskräften, weil sie ihre Position gefährdet sehen. Da verliert die Pflege aus meiner Sicht sehr viele Ressourcen und Potenziale.

Werden insgesamt die Potenziale der hochschulischen Qualifikation in der Praxis genutzt oder sind die Berufseinmündungsfelder vergleichbar mit denen für dreijährig-ausgebildete Pflegefachkräfte?

Die Potenziale werden nicht genutzt. Unternehmen möchten die akademisch ausgebildeten Pflegemanager*innen für sich gewinnen, allerdings nur zum Preis einer dreijährig-ausgebildeten Pflegefachkraft und nur in einer Position, die kein Risiko birgt. Es herrscht in vielen Unternehmen noch ein sehr konservatives Denken. Gewünscht wird eine akademisch ausgebildete Person, aber nur mit langjähriger Berufserfahrung. Junge akademisch ausgebildete Führungskräfte ohne langjährige Berufserfahrung erhalten nur sehr selten das Vertrauen, wichtige Positionen zu besetzen. Dabei könnten sie viel von den erfahrenen Leitungskräften lernen. Aber auch mit zwanzigjähriger Berufserfahrung sollte man, im Interesse der Stärkung der eigenen Fachlichkeit, neue Tools und die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse von den akademisch ausgebildeten Pflegemanager*innen nutzen. Die gegenseitige Wertschätzung der Fachlichkeit und Berufserfahrung ist ein Grundpfeiler meiner täglichen Arbeit, sodass aus anfänglicher Zurückhaltung schnell eine produktive Zusammenarbeit entsteht.

Welche Karriereziele verfolgen Sie mit Ihrer hochschulischen Pflegequalifikation im Pflegemanagement?

Mein Ziel war und ist es, auf die Veränderungen und stetig steigenden Anforderungen in meinem beruflichen Alltag professionell einzugehen und Lösungen zu finden. Ich habe Leitungskräfte erlebt, die keine Lösungen für die wachsenden Anforderungen gefunden haben, weil sie das nicht gelernt haben und deswegen in ihrer Arbeit resignierten. Daraus folgte eine hohe Mitarbeiterunzufriedenheit, was zu weiteren Problemen führte. Wenn ich in einer leitenden Position bin, möchte ich diese Situation sowohl für die Mitarbeitenden als auch für mich persönlich nicht entstehen lassen.

Was raten Sie jungen Menschen, die sich für den Pflegeberuf entschieden haben – bezogen auf den konkreten Ausbildungsweg?

Der Mangel an Fachkräften ist mehr als beunruhigend. Wenn der Ausbildungsträger oder die schulische Ausbildung nicht adäquat sind, ändern die jungen Menschen nichts an der Situation. Sie sind für sich verantwortlich und wenn sie den Beruf aus Überzeugung gewählt haben, sollten sie einen hohen Anspruch an ihre Ausbildung haben. Nur so können Sie den wachsenden Herausforderungen in der Pflege professionell entgegentreten.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Sudhoff!

Text: Barbara Pews/Sebastian Sudhoff
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Sebastian Sudhoff

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