KI-Transformation neu gedacht: Wie die GPS Wilhelmshaven vorangeht
Wie führt man organisationsweit KI in einem Umfeld ein, in dem sich technologische Möglichkeiten konstant verändern? Die GPS Wilhelmshaven begegnet dieser Herausforderung mit einem bewusst lernenden Ansatz: Ausgehend von einem rahmenden Zielbild anstelle einer durchbuchstabierten Strategie, schafft sie Experimentierräume als Basis eines organisationsweiten Entwicklungsprozesses. Im Mittelpunkt steht nicht die Technologie selbst, sondern die Frage, wie diese Fachkräfte entlasten, Leistungsberechtigte unterstützen und zugleich Effizienz in Verwaltungs- und Steuerungsprozessen steigern kann.
Zentral für das durch contec begleitete Projekt ist es, die Organisation zu befähigen mit der dynamischen Entwicklung von KI Schritt zu halten, neue Möglichkeiten frühzeitig zu erproben und Handlungsfelder flexibel weiterzuentwickeln. Einen wichtigen Impuls dafür lieferte das INNET – Innovationsnetzwerk für KI und digitale Lösungen in der Eingliederungshilfe. Klaus Puschmann, Geschäftsführer der GPS Wilhelmshaven, beschreibt den Projektstart so: „Der Austausch mit anderen Organisationen und der Einblick in bestehende KI-Anwendungen haben uns gezeigt, welche konkreten Einsatzmöglichkeiten es bereits heute gibt. Die Chancen für Teilhabe und Effizienz wollen wir gezielt nutzen. Deshalb machen wir uns auf den Weg, relevante Potenziale zu erschließen und strategisch einzusetzen.“
Vom Diskurs zur Richtung: Ein gemeinsames Verständnis von KI
Die Grundlage der KI-Transformation bildet ein gemeinsam mit contec entwickeltes Zielbild:
„KI dient als sinnvolle Unterstützung, kann und soll aber niemals die Arbeit mit Menschen ersetzen. Wir schaffen eine gute Balance zwischen technischer Unterstützung und menschlichem Kontakt.“
Zur Einordnung wurden zentrale Entwicklungslinien einer zukünftigen sozialen Dienstleistungslandschaft herangezogen, in der Mensch und Technologie zunehmend zusammenwirken – etwa in technologiegestützten Caring Communities, sensorunterstützten Wohn- und Betreuungsformen oder kollaborativer Robotik. Die Potenziale reichen von der Strukturierung von Informationen über sprachliche Interaktion und Mustererkennung bis hin zur (Teil-)Automatisierung von Prozessen.
Ausgangspunkt war eine Gesamtleitungskonferenz mit der zentralen Frage: Welche Rolle kann KI für die GPS bis 2030 spielen? Die Diskussionen zeichneten ein differenziertes Bild. Assistenzsysteme wie Spracherkennung, digitale Kommunikationshilfen oder Werkstatt-Technologien können Leistungsberechtigte in ihrer Selbstständigkeit und Teilhabe stärken. Für Fachkräfte eröffnen sich z. B. durch sprachgestützte Dokumentation, automatisierte Berichtserstellung und Sensorik Entlastungspotenziale. Auch auf organisationaler Ebene sind Effizienzgewinne beispielsweise im Wissensmanagement oder der datenbasierten Entscheidungsfindung möglich.
Über alle Perspektiven hinweg zeigte sich ein gemeinsames Spannungsfeld: Die vielfältigen Chancen können nur genutzt werden, wenn grundlegende Voraussetzungen – insbesondere in Bezug auf Datenschutz, technische Umsetzbarkeit, Infrastruktur und Kontrolle – geschaffen werden. Die Frage, wie viel Technologie sinnvoll ist, ohne den Kern sozialer Arbeit zu verändern, zog sich durch alle Diskussionen. Klaus Puschmann resümiert: „KI bietet große Chancen, wenn wir sie gezielt, reflektiert und verantwortungsvoll einsetzen. Dafür brauchen wir klare Leitplanken und müssen ihre Auswirkungen kontinuierlich reflektieren.“
KI-Transformation als lernender Prozess
Die GPS Wilhelmshaven verfolgt bewusst kein klassisches Strategiemodell. Stattdessen versteht sie die Transformation als systemischen Lernprozess basierend auf der Erkenntnis, dass technologische Entwicklungen im Bereich KI kaum langfristig planbar sind. Statt konkrete Endlösungen zu definieren, setzt die GPS auf eine schrittweise Entwicklung und berücksichtigt dabei, dass sich die gesamte Mitarbeiterschaft auf eine Lernreise begibt.
Der Transformationsprozess verbindet strategische Steuerung mit gezieltem Prototyping und praktischer Erprobung und bindet gleichzeitig externe Expertise ein. Gemeinsam mit contec werden zentrale Rahmenbedingungen geschaffen, während die konkrete Ausgestaltung bewusst offenbleibt. Zentral für dieses Vorgehen ist die Steuerung über eine breit aufgestellte Lenkungsgruppe, in der neben der Geschäftsführung auch zentrale Funktionen wie IT, Kommunikation, Betriebsrat sowie verschiedene Fachbereiche vertreten sind.
Von Beginn an werden Werte, ethische Fragestellungen und rechtliche Anforderungen mitgedacht. Im Fokus steht die Frage, wie KI sinnvoll unterstützen kann, ohne die Beziehung zwischen Menschen zu beeinträchtigen. Klare Regelungen zu Datenschutz, Verantwortlichkeiten und Nutzung schaffen einen verbindlichen Rahmen. Ergänzend bilden eine Betriebsvereinbarung (perspektivisch), belastbare Infrastruktur und der Zugang zu datenschutzkonformen KI-Lösungen die Basis der KI-Transformation.
Vom Ansatz zur Praxis: Arbeiten mit Prototypen
In seiner innovativen Herangehensweise wird das Projekt selbst zu einem Prototyp. Es schafft Raum für praktische Erprobung und organisationales Lernen und ermöglicht den Aufbau der notwendigen Kompetenzen und Qualifikationen parallel zum Projektverlauf. Dr. Jan Schröder, Projektleiter und Mitglied der Geschäftsleitung von contec, beschreibt den innovativen Projektcharakter wie folgt: „Es gibt kein festgestecktes Projektziel, denn niemand weiß, welches Ergebnis schlussendlich herauskommen wird. Orientierung schafft jedoch ein gemeinsames Zielbild. Zudem ist das Projekt von einer Haltung geprägt, die sich am agilen Manifesto orientiert. Die gesamte Organisation bekommt dadurch den Raum, sich Schritt für Schritt entlang der gemachten Erfahrungen weiterzuentwickeln. Dieser Mut zur Offenheit zeichnet das Projekt für mich aus.“
Ein zentraler Baustein des Projektes ist die Entwicklung von Prototypen. Ausgangspunkt ist stets ein konkretes Problem aus dem Arbeitsalltag. Darauf basierend wird zunächst eine grobe Skizze – ein sogenannter Verständnisprototyp - entwickelt, um Lösungsideen greifbar zu machen und den potenziellen Nutzen zu testen. Im nächsten Schritt – dem „Proof of Concept“ – wird dann geprüft, ob die angedachte Lösung technisch umsetzbar ist. Anschließend entsteht ein „Minimum Viable Product“, also eine erste nutzbare Version, die getestet werden und damit Feedback generieren kann. Erst wenn sich der Nutzen des Prototyps bestätigt hat und die Lösung sicher und integrierbar ist, kann diese vollständig implementiert werden.
Aktuell arbeitet die GPS an mehreren Prototypen in unterschiedlichen Anwendungsfeldern. Dazu zählen eine KI-gestützte Wissensdatenbank für den Personalbereich sowie perspektivisch für die Kinder- und Jugendhilfe, eine sprachbasierte Dokumentationslösung in der Eingliederungshilfe, assistive Konzepte wie ein reizregulierender Raum, der Einsatz kollaborativer Robotik in Werkstätten sowie die technologische Befähigung von Schüler*innen hinsichtlich des Umgangs mit kollaborativen Robotern.
Das Prototyping dient im Projekt als Lern- und Gestaltungsinstrument: Es macht Ideen sichtbar, identifiziert Chancen und Grenzen und schafft ein gemeinsames Verständnis. Gleichzeitig erfüllt es eine wichtige strategische Funktion: Prototyping überführt einen häufig unkoordinierten, individuellen Einsatz von KI in einen strukturierten und steuerbaren Prozess. So entstehen belastbare Erkenntnisse bei vergleichsweise geringem Aufwand.
Erfolgsfaktoren: Wie KI-Transformation gelingen kann!
Die Erfahrungen der GPS Wilhelmshaven zeigen: Eine erfolgreiche KI-Transformation ist weniger eine technologische als vielmehr eine kulturelle und organisatorische Aufgabe.
1. Führung als aktiver Gestalter des Wandels
Führungskräfte geben Orientierung, schaffen Vertrauen und prägen die Haltung im Umgang mit KI. Künstliche Intelligenz wird weniger als Bedrohung und mehr als unterstützendes Werkzeug wahrgenommen, wenn Führungskräfte diese selbst nutzen und den Mehrwert im Alltag sichtbar machen. Sie sollten zudem Räume schaffen, in denen sich Mitarbeitende frei ausprobieren können und bei Fragen beratend zur Seite stehen. Dazu gehört auch, eine positive Fehlerkultur zu etablieren.
2. Klare Leitplanken statt strikter Vorgaben
Gerade mit Blick auf die hohe Dynamik von Technologien ist es entscheidend, dass Organisationen Orientierung geben, ohne die Nutzung von KI zu sehr einzuschränken. Es braucht neben klaren Rahmenbedingungen – z. B. mit Blick auf Datenschutz, ethische Fragestellungen und Verantwortlichkeiten – insbesondere ausreichend Experimentierräume und Freiheiten, um die Möglichkeiten von KI zu erkunden.
3. Qualifikation und Beteiligung fördern
KI-Kompetenz entsteht vor allem durch Anwendung. Das Projekt ist so erfolgreich, weil es bewusst Zeiten und Räume für kontinuierliches Lernen schafft. Mitarbeitende bekommen die Möglichkeit, Bedarfe aus der Praxis zu äußern, eigene Ideen einzubringen und sich aktiv an Entwicklungen zu beteiligen.
4. Offener Umgang mit Ängsten
Die Einführung von KI ist häufig mit Unsicherheiten verbunden. Insbesondere mit Blick auf Datenschutz, Kontrolle und die Zukunft der Arbeit treten bei der Entwicklung neuer Technologien Fragen auf. Erfolgreiche Transformation zeichnet sich dadurch aus, diese Themen nicht zu vermeiden, sondern mit Hilfe von transparenter Kommunikation und regelmäßigem Austausch dagegen anzugehen.
5. KI-Transformation organisational verankern
Eine erfolgreiche KI-Transformation zeichnet sich durch die kontinuierliche Integration von Künstlicher Intelligenz in die Organisation aus. Im Zuge des Prototypings helfen konkrete Anwendungsfälle dabei, Erfahrungen zu sammeln und Nutzen sichtbar zu machen. Darüber hinaus braucht es die richtigen organisatorischen, technischen und rechtlichen Voraussetzungen, um KI nachhaltig in Organisationen zu verankern.
Die nächsten Schritte der KI-Transformation
Die KI-Transformation der GPS Wilhelmshaven ist kein Projekt mit festem Endpunkt. Aktuell werden die entwickelten Prototypen ausgewertet, weitergedacht und in ihrer Praxistauglichkeit geprüft. Ob bestehende Ansätze ausgebaut oder neue Ideen entwickelt werden, bleibt bewusst offen. Gerade darin liegt die Stärke des Projektes: Die GPS Wilhelmshaven geht den Weg nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Neugier und der Bereitschaft, Neues auszuprobieren.
Deshalb handelt es sich um ein Leuchtturm-Projekt und ein positives Beispiel dafür, wie KI verantwortungsvoll und praxisnah gestaltet werden kann. Das bestätigt auch Dr. Jan Schröder: „Was uns besonders beeindruckt, ist die Offenheit und der echte Wille zur Veränderung. Diese Haltung macht es möglich, KI praxisnah zu entwickeln und in der Organisation zu verankern.“
GPS Wilhelmshaven,
Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische
Sozialarbeit mbH
Text: Leonie Hecken
Bild: © Shutterstock
Dr. Jan Schröder
Dr. Jan Schröder ist Partner und Mitglied der Geschäftsleitung von contec. Er leitet den Geschäftsbereich Innovation und Vernetzung und verantwortet damit die Beratung zu Innovationsmanagement, KI und Digitalisierung. Dr. Jan Schröder ist u. a. spezialisiert auf die partizipative Entwicklung sozialer Infrastrukturen, Sozialraumorientierung und Potenziale Künstlicher Intelligenz.