Digitalisierung in der Pflege: die Pflegenden entlasten

Donnerstag, 28 Oktober 2021 09:18

Digitalisierung vereinfacht unseren Alltag. Auch die praktische Pflege wird in Zukunft von der technologischen Weiterentwicklung profitieren. Bis es so weit ist, gilt es zwar noch einige Herausforderungen in der Praxis zu bewältigen, dennoch zeigt sich: Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie es um die Digitalisierung in der Pflege steht und welche Herausforderungen noch zu bewältigen sind. Wir zeigen Ihnen auch, wie moderne Technologien schon jetzt zur Verbesserung der stationären Pflege beitragen können und warum es sich lohnt, das Thema nun anzugehen.

Im Gemeinschaftsraum der Pflegeeinrichtung leiten humanoide Roboter sportliche Übungen mit Pflegeheimbewohner*innen an; in der Pause überwachen smarte Trinkbecher das Trinkverhalten der Nutzer*innen; währenddessen behält eine KI den Überblick über Patientenakten und Vitaldaten der pflegebedürftigen Personen; in der Nacht erkennen smarte Pflegebetten Inkontinenz, dokumentieren die Bewegungen der Patient*innen und bieten sogar die Möglichkeit, Pflegebedürftige zu wiegen – so oder so ähnlich könnte in Zukunft der Alltag in einer volldigitalisierten Pflegeeinrichtungen aussehen. Aber was auf den ersten Blick nach Zukunftsmusik klingt, dafür gibt es bereits heute die technischen Möglichkeiten.

Digitalisierung in der Pflege – Beispiele:

  • Das israelische Start-up binah.ai hat eine Software erarbeitet, mit der Smartphones innerhalb kürzester Zeit Vitaldaten per Gesichtserkennung ermitteln können. So lässt sich schnell der Gesundheitszustand von Personen prüfen, die zum Beispiel in abgelegenen Gebieten auf dem Land leben. 
  • Das Unternehmen LAQA aus Deutschland hat einen intelligenten Trinkbecher entwickelt, der das Trinkverhalten überwacht, ein automatisches Trinkprotokoll erstellt und so zur Prävention dehydrationskorrelierter Krankheitsbilder beiträgt.
  • Lindera ist eine App zur Mobilitätsanalyse, die am Gang erkennt, ob eine Person sturzgefährdet ist. Die App kann präventiv eingesetzt werden, um die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen durch Stürze bei älteren Menschen zu minimieren.
  • Humanoide Serviceroboter werden bereits heute in manchen Pflegeeinrichtungen eingesetzt. Dort übernehmen sie Routineaufgaben und bieten den Bewohner*innen Unterhaltungsmöglichkeiten.

Roboter und Apps können also schon heute alltägliche und zeitaufwendige Aufgaben übernehmen und vereinfachen. Dadurch bringen sie Entlastung für Pflegende im praktischen Pflegealltag. Pflegende können sich dann voll und ganz auf den persönlichen Kontakt zu den Bewohner*innen konzentrieren. Gleichzeitig trägt die Technik auch dazu bei, die Lebensqualität für die Bewohner*innen zu verbessern.

Digitalisierung: Herausforderungen bewältigen

Auch, wenn technisch bereits mehr möglich ist, als man meinen könnte, steht die Pflege in Sachen Digitalisierung noch am Anfang. Es gibt aber auch große Unterschiede in den Einrichtungen. Während im einen Pflegeheim die Dokumentations- und Verwaltungsarbeit noch analog stattfindet, werden im anderen schon Roboter und andere smarte Geräte eingesetzt. Dass die Digitalisierung in der Pflege häufig noch unterentwickelt ist, liegt auch daran, dass manche Einrichtungen immer noch nur über eine unzureichende digitale Infrastruktur verfügen. Wenn sogar das WLAN fehlt, können weiterführende technische Geräte nicht installiert werden. Eine digitale Basisausstattung sollte somit ein Muss für jede moderne Pflegeeinrichtung sein. Es gibt aber auch noch andere Probleme, die Einrichtungsleitungen und Pflegedienstleitungen vor große Herausforderungen bei der Digitalisierung stellen.

Wenn Theorie und Praxis nicht zusammenpassen

Viele technische Entwicklungen entstehen außerhalb der Pflegepraxis und sind deshalb im Alltag kaum nutzbar. Es werden deshalb mittlerweile verstärkt interdisziplinäre Teams bei der Entwicklung neuer Technologien für die Pflege eingesetzt, die sowohl über das digitale Know-how verfügen als auch praktische Erfahrungen im Pflegealltag haben. Dass dabei spannende und hilfreiche Neuerungen für die Pflege entstehen können, beweist u. a. das Projekt Pflegebrille 2.0: Das Projekt arbeitet an der Weiterentwicklung einer Datenbrille, die – unter Einbindung von Augmented Reality (AR) – individuelle Informationen für Pflegende bereithält. Pflegerelevante Themen wie das Wundmanagement werden aufbereitet und sind dann über die Brille situativ abrufbar. Welche Inhalte die Brille anzeigt, wird in Zusammenarbeit mit Pflegedienstleistern entschieden und technisch umgesetzt.

Den Prozess der Umsetzung planen

Häufig stehen Einrichtungen vor der Herausforderung, dass sie bei der Implementierung neuer digitaler Prozesse allein gelassen werden und den damit verbundenen Arbeitsumfang unterschätzen. Vollausgelastete und in diesem Bereich nicht qualifizierte Pflegekräfte können sich überfordert fühlen, wenn sie – ohne ausreichende Vorbereitung – für die Umsetzung und Nutzung neuer Technologien in ihrer Einrichtung verantwortlich sind. Es braucht deshalb Zeit- und Maßnahmenpläne, personelle und zeitliche Ressourcen sowie das Know-how und Verständnis für digitale Lösungen im Hinblick auf prozesshafte Veränderungen, um Einrichtungen an die neuen technischen Möglichkeiten anzupassen. Eine gute Hilfestellung ist außerdem die Teilnahme an Schulungen zum Umgang mit neuen Technologien. Die Pulsnetz-Plattform hält beispielsweise Beratungs- und Schulungsangebote zu digitalen Themen bereit. Das Angebot hilft Unternehmen dabei, das Potenzial der Digitalisierung in ihren Pflegeeinrichtungen auszuschöpfen.

Projekt pulsnetz KI:

Das Regionale Zukunftszentrum KI „pulsnetz.de – gesund arbeiten“ (pulsnetz KI) ist ein Entwicklungszentrum sowie eine agile Anlauf- und Beratungsstelle für Unternehmen der Sozialwirtschaft in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Der Fokus des BMAS-geförderten Projekts liegt auf der Etablierung und dem Ausbau gesunder Arbeitsbedingungen in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Die Projektbeteiligten haben u. a. die Trucks der Digitalisierung (TruDi) ins Leben gerufen: Mobile Service-Punkte, die mit Baukästen zur Erprobung smarter Technologien für die Pflege ausgestattet sind. Sie bringen digitale Lösungsansätze und Ideen überall dorthin, wo sie verwendet und getestet werden können.


Das Pflegepersonal abholen

Schulungsangebote wie die im Rahmen des Pulsnetz-Projekts tragen auch dazu bei, Skepsis gegenüber digitalisierten Pflegeeinrichtungen bei Pflegekräften abzubauen. Sorgen, dass professionell Pflegende durch moderne Technologie ersetzt werden sollen, können durch Aufklärung und Information überwunden werden, denn: Der Pflegeberuf beruht auf zwischenmenschlichen Kontakten, die nicht von Robotern oder anderen digitalen Hilfsmitteln übernommen werden können. Die neue Technik soll lediglich niederschwellige sowie verwaltungstechnische Aufgaben erleichtern, sodass Pflegende mehr Zeit für die individuelle Versorgung und den Kontakt zu Pflegebedürftigen haben.

Werden Pflegekräfte zudem in den Prozess der Entwicklung technischer Neuerungen einbezogen, kann das ebenso zur Auflockerung festgefahrener Denkstrukturen führen. Das Projekt Pulsnetz setzt z. B. auf „Zukunftsberatungen“, über die zunächst Einrichtungsbedarfe ermittelt und dann passende Lösungen entwickelt werden. Mobile Servicestationen bringen digitale Neuerungen zur Erprobung in die Einrichtungen. Wichtig ist auch, dass neue Pflegekräfte von Beginn an mit Digitalisierung in ihrem Beruf in Berührung kommen. Aus diesem Grund sollten digitale Themen in Zukunft verstärkt in die Ausbildung einbezogen werden.

Datenschutz und Finanzierung sind Hürden

Die Implementierung von digitalen Prozessen in der Pflege ist nicht nur zeit-, sondern auch kostenaufwendig. Technologische Investitionen sind meist teuer und die Beantragung von Fördergeldern mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Hier ist insbesondere der Gesetzgeber gefragt, der den Zugang zu Förderprogrammen für Pflegeeinrichtungen erleichtern sollte. Es gibt aber auch andere Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb des öffentlichen Rahmens: Einige Anbieter technologischer Innovationen sind sich der finanziellen Hürden bewusst und bieten deshalb z. B. nicht ihre Produkte, sondern nur den Service, den sie erbringen, zum Verkauf an. Der Anbieter stellt zusätzlich dauerhaft das reibungslose Funktionieren des Produkts sicher und steht für Wartungsarbeiten zur Verfügung.

Der Umgang mit sensiblen Daten im Rahmen der Pflege erfordert einen sicheren Datenschutz bei der Nutzung digitaler Hilfsmittel. Gesundheits- und Vitaldaten der Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen müssen im Rahmen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) selbstverständlich vertraulich behandelt werden. Der Datenschutz stellt Pflegeeinrichtungen und ihre Mitarbeitenden sowie technologische Entwickler*innen dadurch aber auch vor Hürden. Nutzer*innen sowie Entwickler*innen müssen eine Reihe von Maßnahmen und Vorbereitungen treffen, damit der Schutz sensibler Daten gewährleistet ist. Das erschwert auch die Zusammenarbeit zwischen Pflegeeinrichtungen und Anbietern digitaler Technik. Anbieter sind sich dieser Herausforderungen durchaus bewusst und beziehen sie aktiv in die Entwicklung ihrer Produkte ein.

Von der Digitalisierung in der Pflege profitieren alle

Auch wenn die Digitalisierung der Pflege mit einer Vielzahl an Herausforderungen verbunden ist – sie anzugehen, lohnt sich. Neben der Entlastung der Pflegekräfte profitieren auch die Bewohner*innen der Einrichtungen von den technologischen Möglichkeiten. Zum einen können sich die Pflegekräfte durch die körperliche sowie mentale Entlastung verstärkt auf den persönlichen Kontakt mit den Pflegebedürftigen konzentrieren. Zum anderen bietet die Digitalisierung den Pflegebedürftigen neue und auf sie zugeschnittene Unterhaltungs- und Gesundheitsmöglichkeiten. Ein Beispiel dafür ist der Ball ichó: Er wurde speziell zur Aktivierung, Förderung und Entspannung von Demenzkranken und Menschen mit Behinderung entwickelt. Mit Musik, Geschichten, Rätseln und Übungen unterstützt er Bewohner*innen bei Gedächtnistrainings, trägt zur Beruhigung bei und reagiert mit Farben, Klang und Vibration auf jede Bewegung.

Wollen auch Sie in den Prozess starten und Ihre Einrichtungen auf die Digitalisierung vorbereiten? Dann versuchen Sie zunächst herauszufinden, wie Pflegende und Bewohner*innen von digitalen Innovationen profitieren können:

Technologische Neuerungen wie der ichó Ball, die Pflegebrille 2.0, die Lindera Sturzapp und viele mehr können einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der körperlichen und geistigen Gesundheit der Bewohner*innen in Pflegeeinrichtungen leisten. Die vielen digitalen Möglichkeiten, die es schon heute gibt, werden deshalb über kurz oder lang den Alltag in Pflegeeinrichtungen erleichtern. Es ist also ganz klar: Digitalisierung ist die Zukunft der Pflege. Bei allen Fragen, die noch beantwortet werden müssen, und allen Herausforderungen des Transfers von Forschung und Entwicklung in die Praxis: Anpacken geht jetzt schon!

Text: Steffen Schumann/Diana Herrmann/Katharina Ommerborn
© scharfsinn86/AdobeStock

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Steffen Schumann

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