Personalbemessungsverfahren – Chancen und Herausforderungen

Personalbemessungsverfahren
Mittwoch, 27 Mai 2020 14:09

Innovation Teil III: Die Empfehlungen für ein einheitliches Personalbemessungsverfahren in der stationären Pflege liegen mittlerweile vor: Es soll mehr Personal und einen einrichtungsindividuellen, bedarfsorientierten Personal- und Qualifikationsmix geben. Das stellt Träger vor Herausforderungen bei der Personalplanung, bietet aber auch Chancen für bessere Arbeitsbedingungen und eine zukunftsfähige Ausrichtung. Wir zeigen aktuelle Entwicklungen des Innovationsprozesses und geben Anregungen, wie Einrichtungen sich vorbereiten können.

Die Corona-Pandemie hat Pflegeheime in einer ohnehin schon angespannten Situation getroffen. Bereits vor der aktuellen Krise kam es durch Engpässe bei der Personalausstattung zu schwierigen Situationen in den Pflegeheimen und zu hohen Belastungen für die Pflegekräfte. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat in einer Sonderauswertung des „DGB-Index Gute Arbeit“ (2018) gezeigt, dass Pflegekräfte sich mehrheitlich gehetzt fühlen und unter den Folgen von Arbeitsintensivierung leiden. Sie bewältigen die Arbeit häufig nur, indem sie Abstriche bei der Pflege machen. Das ist hochproblematisch für die Pflegequalität und Gift für die Arbeitsmotivation.

In der Konsequenz verschärft sich die Personalsituation, denn schlechte Arbeitsbedingungen führen zu einem höheren Krankenstand. Die Arbeitsbedingungen sind laut Pflexit-Monitor 2018 ebenso der Hauptgrund dafür, dass Pflegekräfte ihren Beruf verlassen. Unter dem Begriff „Pflexit“ entlädt sich auch aktuell in den sozialen Medien der Unmut aktiver und ehemaliger Pflegekräfte.

Die Personalsituation wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Einrichtungen in jedem Fall einen Fachkräfteanteil von 50 Prozent sicherstellen müssen. Diese Quote ist seit langem strittig und lässt die individuellen Bedarfe in den Pflegeeinrichtungen außer Acht. Aus den sehr heterogenen Pflege- und Betreuungsanforderungen in den Einrichtungen ergibt sich vielmehr die Notwendigkeit eines fachlich begründeten Personalmixes, der auf die jeweiligen Bedarfslagen abgestimmt ist.

Pflegequalität und gute Arbeitsbedingungen sichern

Die Idee zu einem bundeseinheitlichen Personalbemessungsverfahren ist nicht neu. Die tatsächliche Umsetzung wäre aber eine Innovation. Da bisher mehrere Versuche zur Einführung eines einheitlichen Personalbemessungsverfahrens scheiterten, wurde im PSG II der Auftrag zur Entwicklung und Erprobung eines wissenschaftlich fundierten Verfahrens „nach qualitativen und quantitativen Maßstäben“ verankert.

Die Herausforderung besteht darin, die Personalausstattung so zu regeln, dass eine hohe Pflegequalität bei guten Arbeitsbedingungen möglich ist. Denn die bisher geltenden, unterschiedlichen Personalschlüssel der Bundesländer basieren auf keinem objektiv ermittelten Bedarf und gelten durchgängig als zu niedrig.

Das mit der Verfahrensentwicklung beauftragte Team um Prof. Heinz Rothgang, Universität Bremen, stellte zunächst einen Interventionskatalog (IST) auf und definierte pflegefachliche Anforderungen und bedarfsgerechte Qualifikationsniveaus (SOLL). Messungen in Pflegeheimen machten einen Abgleich von SOLL und IST möglich, um fachlich notwendige Zu- und Abschläge im Vergleich zur heutigen Situation zur ermitteln (mehr dazu in unserem ausführlichen Beitrag zum Verfahren).

Personalbemessungsverfahren: Arbeitsschutz berücksichtigen

Im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) wurde auch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) beratend an dem Projekt beteiligt. Sie sollte klären, welche Arbeits- und Gesundheitsschutzaufgaben in Pflegeeinrichtungen bestehen und wie diese zeitlich angemessen bei der Personalbemessung zu berücksichtigen sind. Diesen Innovationsschritt der Exploration unterstützte contec durch Moderation und pflegefachliche Expertise.

Der Interventionskatalog sowie die fachlichen und qualitativen Anforderungen des Rothgang-Teams dienten der BGW als Grundlage, den Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Personalbemessung zu verankern. Präventionsexpert*innen sichteten die Instrumente mit Blick auf arbeitsschutzrelevante Gesetze, Verordnungen, Vorschriften und Regeln und ergänzten sie bei Bedarf. Durch die Berücksichtigung des Arbeitsschutzes können mit dem Verfahren gleichzeitig Pflegequalität und Gesundheitsschutz der Beschäftigten gesichert werden.

Höherer Personalbedarf – niedrigerer Fachkraftanteil

Das Team um Prof. Rothgang konnte den höheren Personalbedarf in der stationären Altenpflege empirisch untermauern. Dieser besteht demnach für alle Qualifikationsniveaus in der Pflege, besonders aber für Assistenz- und Hilfskräfte. Dadurch ergibt sich – auch wenn grundsätzlich mehr Fachkräfte und Hilfskräfte benötigt werden – ein insgesamt niedrigerer Fachkraftanteil.

Die größte Neuerung des Verfahrens ist die einrichtungsindividuelle Personalbedarfsermittlung. Der Personal- und Qualifikationsmix in den Einrichtungen richtet sich nach den Bewohnerstrukturen bzw. dem Pflegebedarf der Bewohner*innen. So ergeben sich heimindividuelle Fachkraftquoten: Ein hoher Pflegegradmix erfordert danach zum Beispiel einen höheren Anteil an Fachkräften als bisher.

Die Ergebnisse sind nicht unumstritten. So bemängelt der Deutsche Pflegerat (DPR), dass die Personalbemessung ausschließlich auf der Grundlage einzelner Tätigkeiten basiert. Außerdem kritisiert der DPR – wie auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) – die neue Aufgabenverteilung. Demnach übernehmen vermehrt Assistenzkräfte die direkte Pflege und Fachkräfte vor allem Aufgaben bei der Planung, Anleitung und Beaufsichtigung der Pflege.

Übergangsphase mit Modelleinrichtungen für das Personalbemessungsverfahren

Dass an den Empfehlungen zum neuen Personalbemessungsverfahren noch Änderungen vorgenommen werden, ist eher unwahrscheinlich. Die Akteur*innen der KAP haben vereinbart, das Verfahren nach Abschluss der Entwicklungs- und Erprobungsphase zügig gemeinsam umzusetzen. Wie schnell Fachkraftquoten und Personalanforderungen verändert werden können, wenn der politische Wille da ist, haben die zeitlich begrenzten Lockerungen in der Corona-Krise gezeigt.

Allerdings ist für die aus dem Verfahren resultierenden fachlichen, organisatorischen und planerischen Anpassungen ein Weiterentwicklungsprozess in den Einrichtungen erforderlich. Deshalb sollte eine beispielhafte Umstellung und die Beschreibung der dafür erforderlichen Konzepte in Modelleinrichtungen die Grundlage bilden, um in einer Übergangsphase die Umstellung für Unternehmen zu erleichtern. Einrichtungen sollten sich trotzdem frühzeitig auf die Herausforderungen vorbereiten, um die Chancen aus den geänderten Bedingungen nutzen zu können.

Was Einrichtungen tun können

Auch unabhängig davon, ob das neue Personalbemessungsverfahren so tatsächlich umgesetzt wird, lohnt es sich für Einrichtungen, jetzt bei einer guten Personalentwicklung und effizienten Organisationsstrukturen anzusetzen. Um den beschriebenen Problemen einer Überlastung und im schlimmsten Fall des Ausstiegs von Pflegekräften aus dem Beruf entgegenzuwirken, müssen die Mitarbeitenden mehr denn je kompetenzorientiert eingesetzt und fortgebildet werden.

Zudem sollten einrichtungsspezifische Bedarfe berücksichtigt werden. Dabei ergeben sich mit der Planung, Anleitung und Beaufsichtigung beispielsweise optimale Betätigungsfelder für akademische Pflegekräfte, die ihre Rolle im Arbeitsmarkt derzeit vielfach noch suchen.

Mit einer guten Personal- und Organisationsentwicklung können Unternehmen ihre Arbeitgebermarke stärken, Beschäftigte motiviert halten und attraktiv für neues Personal auftreten. Eine nachhaltige Maßnahme ist hier die Förderung des Pflegenachwuchses (z. B. in einem care4future-Netzwerk). Im Zuge der Corona-Krise haben sich zudem Initiativen wie die Pflegesterne gebildet, die ehemalige Pflegekräfte zurückgewinnen wollen.

Da die Erhebungen zum neuen Personalbemessungsverfahren einen deutlich erhöhten Bedarf an Pflegehilfskräften ergeben, sollten Einrichtungen darüber hinaus anstreben, die in der Corona-Pandemie engagierten freiwilligen Helfer*innen langfristig für die Pflege zu begeistern. So lässt sich schon jetzt der Pool an Hilfskräften ausbauen.

Text: Benjamin Herten, Gabriele Osing
Titelbild: © edar/Pixabay

Gabriele Osing

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