Advance Care Planning: vorausschauende Versorgungsplanung in der Praxis

  • Montag, 24 September 2018 13:22
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Advance Care Planning (ACP) ist ein Konzept zur Dynamisierung der oft als unflexibel kritisierten und zu selten genutzten Patientenverfügung. In Deutschland ist ACP als ‚vorausschauende Versorgungsplanung‘ bekannt und betrifft die aktive Gestaltung der letzten Lebensphase von alten und schwerstkranken Menschen. contec hat mit Sindy Herrmann, stellv. Vorsitzende des Hospiz- und Palliativverbandes Sachsen-Anhalt, über die Chancen, aber auch Kritikpunkte der vorausschauenden Versorgungsplanung in der Praxis gesprochen.

Zielsetzung der Advance Care Planning

Ziel der Advance Care Planning ist es, den Willen aller Betroffenen nicht nur zu hinterlegen, sondern ihn wiederholt und unter Berücksichtigung verschiedener Situationen sowie fachkundiger Beratung einzuholen. Die Kommunikation soll so verbessert werden, dass alle involvierten Parteien um die Ergebnisse dieser Befragungen Bescheid wissen. Dies ermöglicht die frühe Einbindung der Palliativversorgung und führt damit zu einem möglichst selbstbestimmten Leben bis zum Tod. Um diesen Prozess ein Stück weit zu vereinheitlichen und zu finanzieren, wurde die gesetzliche Grundlage mit dem Hospiz- und Palliativgesetz (HPG) angepasst.

Dynamisierung der Prozesse: Beraten statt belehren

Mit Advance Care Planning und der Verankerung dieser im HPG wurde erstmalig der Prozesshaftigkeit bei der Entstehung von Patientenverfügungen Raum gegeben. Wie man das Kind auch nennen möchte – ACP, gesundheitliche Versorgungsplanung, Planung im Voraus oder vorausschauende Versorgungsplanung – eines ist klar: Ein funktionierendes ACP-System ist eine Chance. Die möglichen Vorteile reichen von der Stärkung der Patientenautonomie, selber festzulegen, welche Behandlung bis zu welchem Maß durchgeführt werden soll, bis zur verbesserten interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten. „Durch die wiederholten Kommunikationsprozesse werden auch Werte, Normvorstellungen sowie die Moral eines Menschen erfragt, was ein hohes Maß an Individualität in der Patientenverfügung ermöglicht“, so Sindy Herrmann. „Es geht darum, zu erfahren, was den Menschen bewegt, nicht darum, ihm die eigenen Wertvorstellungen aufzudrängen.“

Der Mensch im Mittelpunkt: ergebnisoffene Kommunikation

Die Dynamik eines solchen Prozesses birgt aber auch eine Gefahr. Sindy Herrmann weiß, dass in einem solchen Setting schnell der Eindruck entsteht, dass die Advance Care Planning nur erfolgreich war, wenn aus ihr eine Patientenverfügung hervorgeht. „Es gibt viele Patienten und Patientinnen, gerade im hohen Alter, die ein sehr paternalistisches Verständnis des Arzt-Patienten-Verhältnisses haben, die also davon ausgehen, dass der Arzt – oder auch die Angehörigen – schon wissen, was am Ende des Lebens genau das Richtige für sie ist“, so Herrmann. Es muss also nicht zwingend alles niedergeschrieben werden, wichtig ist der Beratungsprozess an sich und die Rücksichtnahme auf die individuellen Bedürfnisse des Menschen. „Es kann auch sein, dass jemand schlichtweg keine Patientenverfügung möchte, auch das müssen wir dann akzeptieren.“

Das A & O: Kommunikation auf Augenhöhe

Sicherlich ist ein funktionierendes ACP-System ein erster Schritt für Einrichtungen, ein umfassendes Palliativkonzept zu etablieren. Aber wie so oft gilt auch hier: Ohne Kommunikation funktioniert das beste Konzept nicht. Deshalb sind ausgebildete PalliativberaterInnen bzw. GesprächsbegleiterInnen ein erster Schritt zur ganzheitlichen Einbindung aller Beteiligten. Das braucht Zeit, aber auch Engagement. Pflegefachkräfte sind in ihrem Alltag ohnehin oft einem hohen Zeitdruck ausgesetzt und ihnen on-Top die Durchführung der vorausschauenden Versorgungsplanung aufzutragen, ist nicht zielführend. „Wichtig ist, dass die Leute, die die Gespräche durchführen, das wirklich wollen. Sie müssen geschult werden und mit einer ergebnisoffenen Haltung in die Gespräche gehen – nicht intervenieren, sondern die Meinung des Menschen akzeptieren.“, so Sindy Herrmann.

Rechtliche Grauzonen: Juristische Unsicherheiten bleiben bestehen

Bei aller vorausschauenden Planung – eine Patientenverfügung ist nur dann wirklich sinnvoll, wenn sie auch umgesetzt wird. „Die Unsicherheit bei Ärzten oder auch beim Pflegepersonal ist nach wie vor sehr groß. Oft werden Patienten und Patientinnen zu einem Notfall erklärt und es wird wider die Verfügung gehandelt: Man könnte ja etwas unterlassen. Dass aber auch ein Tun rechtswidrig sein kann, wenn der Mensch es anders verfügt hat, wird oft unter Zeitdruck missachtet“, kritisiert Herrmann. „Ich bin sonst niemand, der nach mehr Personal schreit, aber es müssen mehr Freiräume für die ausführenden Personen, also Ärzte und Pflegepersonal geschaffen werden, um Fehlentscheidungen gegen den Willen des oder der Patientin unter Zeitdruck zu vermeiden.“

Sachsen-Anhalt: Einheitliche Standards und Vernetzung

2015 wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland (HPG) beschlossen. Dem Gesetz liegt neben einer Neuregelung der Finanzierung für hospizliche Versorgung auch eine bessere Vernetzung der sektorenübergreifenden Leistungserbringer zugrunde. Gerade in der heutigen Zeit, in der noch immer zu wenige Menschen Zuhause versterben, sondern in Pflegeheimen und Krankenhäusern, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unabdinglich. Durch das HPG werden nun auch die Pflegeeinrichtungen zur Zusammenarbeit mit Ärzten und Hospizdiensten motiviert (und defacto ein Stück weit verpflichtet). Für Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe werden durch das ergänzte HPG um den §132g die Rahmenbedingungen zur Gestaltung der gesundheitlichen Versorgungsplanung festgelegt. Somit können Pflegeheime ihren BewohnerInnen eine gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase organisieren und anbieten. In Sachsen-Anhalt wird diese Zusammenarbeit bereits sehr intensiv gelebt. „Bereits seit 13 Jahren – also schon lange vor dem HPG – arbeiten wir in Sachsen-Anhalt daran, die einheitlichen Qualitätskriterien für die Hospiz- und Palliativversorgung weiter auszubauen bzw. verstärkt aufzubauen“, so Sindy Herrmann. Im Landkreis Wittenberg wurde sich bspw. für die ACP-Beratungsgespräche gemeinsam auf eine Vorlage für die Patientenverfügung geeinigt, u.a. Schulungsmaterialen sind vereinheitlicht. Außerdem kommen regelmäßig sektorenübergreifend Leistungserbringer zusammen, um auch ethische Fragestellungen sowie das Berufsleitbild zu definieren. „Aber auch das muss weitergehen. Wenn wir uns als Caring Community bezeichnen, müssen wir uns fragen, wo wir damit hinwollen. Gerade in Flächenländern wie Sachsen-Anhalt ist vielen nicht klar, was für Möglichkeiten wir haben.“ Bei aller starken und zielführenden Zusammenarbeit ist es laut Herrmann erklärtes Ziel, die Idee der fürsorgenden Gemeinschaft zu stärken und umzusetzen. „Das geht über eine Implementierung der ACP hinaus.“

Text: Ida Glaß, Organisationsberaterin contec GmbH