Digitale Helfer – Mit dem Smartphone zu mehr Teilhabe?

Digitalisierung Eingliederungshilfe
Donnerstag, 11 Mai 2017 14:12

Die Digitalisierung unseres Alltags ist allgegenwärtig. Auch in Bezug auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung birgt die Entwicklung moderner Technologien neben neuen Herausforderungen ebenso großes Potenzial. Gerade für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gibt es bereits verschiedene Angebote im Bereich der digitalen Anwendungen. Die Eingliederungshilfe hat mit einem gezielten Einsatz der neuen Technologien die Chance, die eigenständige Alltagsgestaltung von Betroffenen zu verbessern. Eine Chance, die aktiv ergriffen werden sollte.

Neue Technologien erleichtern uns in vielerlei Hinsicht den Alltag, das gilt insbesondere für Menschen ohne Beeinträchtigung. Mit dem Smartphone eröffnet sich beim Einkauf die Option des schnellen Preisvergleichs und bei der kurzen Städtereise die unkomplizierte Organisation einer passenden Unterkunft. Doch wie steht es um die Erleichterung des Alltags für Menschen mit Behinderung? Neue Innovationen und Technologien versprechen Barrieren abzubauen. Smartphones könnten dabei ein potenzieller Türöffner für eine gleichberechtigtere Teilhabe sein.

Das Smartphone als Begleiter im Alltag

Doch welche Angebote gibt es in der Welt der Smartphone-Apps bereits und wo besteht noch Bedarf?
Die neuen Möglichkeiten haben z. B. zu Projekten wie Wheelmap.org der Sozialhelden e.V. geführt: Eine Karte, die Rollstuhlfahrer/-innen und Menschen mit anderen Mobilitätseinschränkungen dabei hilft, im Alltag leicht zugängliche Orte des öffentlichen Lebens zu finden.

Gerade für Menschen mit Sehbehinderung gibt es eine Vielzahl interessanter Apps, die den Alltag leichter gestalten wollen und eine bessere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben versprechen. Mit Apps zur Texterkennung, die OCR (Optische Zeichenerkennung) verwenden, können im Alltag Texte (etwa Speisekarten im Restaurant) abfotografiert und über unterschiedliche Anwendungen direkt vorgelesen oder durch eine Bluetooth-Braillezeile ausgegeben werden. Apps wie z.B Textgrabber bieten diesen Service an.
Mit Apps wie Digit-Eyes kann der Einkauf unabhängiger gestaltet werden. Der Barcode-Leser erkennt laut Hersteller über 34 Millionen Produkte. Zudem gibt es die Möglichkeit, eigene Etiketten zu erstellen und mit diesen Ordner, Datenträger oder sogar Kleidung zu versehen. Die Idee: Erleichterung bei der Selbstorganisation. Beim Einkauf helfen nicht bloß Anwendungen, die Produkte erkennen, sondern auch jene, die Banknoten unterscheiden können. ViaOptaDaily verspricht Geldscheine mit der Smartphonekamera zu erkennen. Im direkten Test wird allerdings schnell klar, dass einige der Apps durchaus noch Optimierungspotenziale haben.

Eine weitere App soll die Teilhabe an der zunehmend bildbasierten Welt der Sozialnetzwerke für Menschen mit Sehbehinderung verbessern. Wird ein Foto mit der App FotoOto aufgenommen, vermerkt die integrierte Bilderkennung, was im Bild zu sehen ist. Zusätzlich werden die abgebildeten Farben in Töne umgewandelt, wodurch ein Bild einen bestimmten Klang erhält, der einen emotionalen Eindruck des Fotos erzeugen soll. Jeder Farbe werden dabei ein eigenes Instrument sowie eine Tonart zugeordnet und in Kombination mit der hinterlegten Objekterkennung können so Fotos und Bilder besser zugänglich gemacht werden. Für einen inklusiven Kinobesuch kann laut Hersteller mithilfe der App Greta vor dem Kinobesuch die Audiodeskription für aktuelle Filme heruntergeladen werden, die sich dann mit dem Beginn des Films synchronisiert. Über Kopfhörer werden so die entsprechenden Bild- und Handlungsbeschreibungen während der Kinovorstellung ausgegeben.

Das Smartphone kann das Alltags- und Berufsleben auch für Menschen mit Hörbehinderung erleichtern. In Kombination mit Greta brachte das Berliner Start-Up Greta&Starks vor einigen Jahren auch die App Starks heraus, womit vorab die Untertitel für den anstehenden Kinobesuch heruntergeladen werden. Über die Audioerkennung der App synchronisieren diese sich dann mit dem laufenden Film. Um Inklusion auch bei Bildungs- und Ausbildungsangeboten verbessern zu können, stellt VerbaVoice unterschiedliche Dolmetscherdienste zur Verfügung. Für eine Vorlesung kann über die App ein Live-Dolmetscher gebucht werden, welcher über Smartphone oder Laptop das Gesagte in Gebärdensprache wiedergibt. Schriftdolmetscher können Unterricht oder berufliche Gespräche schriftlich festhalten und somit sicherstellen, dass wichtige Informationen nicht unzugänglich bleiben.
Auch wenn die meisten Angebote auf Menschen mit physischen Einschränkungen spezialisiert sind, gibt es auch zunehmend digitale Angebote für Menschen mit geistigen und auch seelischen Behinderungen. Die App Grace unterstützt beispielsweise Menschen mit eingeschränkten Kommunikationsfähigkeiten dabei, Gefühls- und Gemütszustände auszudrücken. Entstanden ist die App auf Anstoß der Mutter eines autistischen Kindes, welches seine Bedürfnisse nun mithilfe von Bildern kommunizieren kann. Allerdings wird deutlich, das insbesondere im Feld der geistigen Behinderungen das digitale Angebot wesentlich geringer ausfällt. Hier besteht Nachholbedarf.

Einsatz in der Eingliederungshilfe

Die beschriebenen Angebote verdeutlichen die vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch das Smartphone und neue Technologien eröffnet haben. Dabei sollte vor allem der Fokus darauf liegen, Menschen mit Behinderung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (besser) zu ermöglichen. Teilbereiche des Lebens können mithilfe des Smartphones und den entsprechenden Apps eigenständiger gemeistert werden, wie etwa das Einkaufen. Das Smartphone als Begleiter oder zusätzliche Unterstützung kann schon heute ein höheres Maß an Selbstständigkeit bieten.
Dabei können Smartphone-Anwendungen eine professionelle Begleitung niemals ersetzen. Ein erster Selbsttest hat bereits gezeigt, dass einige der Apps nicht einwandfrei halten, was sie versprechen. Hier sind noch Steigerungen möglich und nötig. Dabei ist gerade im Umfeld der Eingliederungshilfe das Vertrauen in ein solches Produkt nicht verhandelbar und Qualität ein MUSS.
Es ist die Aufgabe der Eingliederungshilfe, Standards und Konzepte zu entwickeln, die einen sinnvollen sowie zweckgemäßen Einsatz solcher Technologien sicherstellen. Hierzu muss die Eingliederungshilfe eine aktive Rolle einnehmen und mitgestalten – insbesondere, wenn es um die Einbindung von Menschen mit Behinderung geht. Auch bei der Gestaltung der Produkte ist dies im Sinne der Akzeptanz zu berücksichtigen. Es muss sich dabei um komplexreduzierte Angebote handeln, die in ein individuelles Setting unter Berücksichtigung der jeweiligen spezifischen Bedarfe zu integrieren sind.

Die Fragestellungen, wie und in welchen Alltagssituationen die Möglichkeiten der modernen Technologien genutzt werden können, müssen immer im Hinblick auf den Zweck einer betreuten oder begleiteten Handlung betrachtet werden. Das Ziel sollte hier, wie in anderen Bereichen der Eingliederungshilfe auch, eine bestmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in einem sicheren konzeptbasierten Rahmen sein. Die Eingliederungshilfe sollte an dieser Entwicklung teilhaben und als Wegweiser fungieren. In der Praxis kann dies z.B. im Aufbau von Netzwerken und der Entwicklung von Standards, die ein Mindestmaß an Qualität sicherstellen, erfolgen. Dabei sind Faktoren wie Datenschutz, digitale Barrierefreiheit oder Usability, also die Benutzerfreundlichkeit, nur eine erste Grundlage. Orientieren kann man sich dabei an der Gesundheitswirtschaft. Hier können Apps bereits als Medizinprodukte zertifiziert werden. Zudem sind einige digitale Begleiter bereits in den Versorgungsprozess über Krankenkassen integriert. Hierzu muss sich die Eingliederungshilfe zusammenschließen und gemeinsam mit Anbietern Rahmenbedingungen diskutieren und festlegen. Dabei ist selbstverständlich, dass ein solcher Prozess eine Entwicklung darstellt. Eingliederungshilfe und digitale Anbieter müssen zunächst Möglichkeiten und Bedarfe verstehen und eine gemeinsame Sprache entwickeln. Idealerweise sind im Sinne der Teilhabe auch Menschen mit Behinderung Teil des Prozesses. Nur im Zusammenspiel können bedarfsgerechte, qualitativ hohe und sinnvolle Lösungen entwickelt werden. Dabei sollte der Fokus stets auf dem Menschen und dessen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben liegen. Wie immer gilt: Mit Partnern die Zukunft gestalten!

Text: Malike Gümrükcü/Mirja Trojan

Birgitta Neumann

Birgitta Neumann contec

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