Priorisierung im Pflegealltag: Muss, kann, soll?

Priorisierung
Mittwoch, 17 Juni 2020 15:40

Fehlende Abstimmung in den Abläufen, zu wenig Kommunikation, Stress als vorherrschendes Erleben der Mitarbeitenden – stellt sich der Alltag in einer Pflegeeinrichtung so dar, ist ein Gefühl von Überlastung bei den Mitarbeitenden oft die Konsequenz. Sie äußern dieses Gefühl dann häufig und verbinden es mit der Wahrnehmung von einer dauerhaften personellen Unterbesetzung. Diese Wahrnehmung verstetigt sich mehr und mehr. Doch auch wenn fehlendes Personal ein wichtiger Faktor ist, lässt sich häufig mit dem vorhandenen Personal die Situation bereits in vielen Punkten verbessern – u. a. durch Priorisierung. Wir teilen konkrete Ansätze mit Ihnen, die sich in der Praxis als hilfreich erwiesen haben.

Schauen wir auf ein Beispiel-Szenario: In einem Wohnbereich mit 36 Bewohner*innen beginnt der Frühdienst um 6.30 Uhr. Im Dienst sind fünf Mitarbeitende. Nach der Übergabe wird kurz überlegt: Wer geht jetzt in welches Zimmer und wer pflegt wen? Alle fünf Mitarbeitenden starten zur selben Zeit mit der Pflege der Bewohner*innen. Ab jetzt beginnt der ,Kampf gegen die Uhr‘. In Pflegeeinrichtungen gibt es die überwiegende Idee, dass alle Bewohner*innen bis 9.00 Uhr am Frühstückstisch sitzen müssen – am besten von Kopf bis Fuß gepflegt. Die Folge? Alle machen alles. Es besteht keine Klarheit über die Kausalität und den Kontext der Tätigkeiten.

Tätigkeitsbeschreibungen und Priorisierung: Muss, kann, soll

Unser Ansatz: Differenzieren Sie die notwendigen Tätigkeiten! Zu unterscheiden ist zunächst, ob es sich um Pflege bzw. bewohnerbezogene Tätigkeiten, um pflegenahe oder um pflegefremde Aufgaben handelt. In der Betrachtung dieser unterschiedlichen Tätigkeitsbeschreibungen hilft dann die Anwendung der Priorisierung nach Muss, Kann und Soll, um Abläufe zu verbessern und agiler zu gestalten.

Pflege ist selbstverständlich ein Muss. Allerdings stellt sich die Frage: Was im individuellen Pflegesetting muss tatsächlich täglich erfolgen? Sind Umfang und Maß der pflegerischen Intervention angemessen (zu viel oder zu wenig)? Müssen kann sehr schnell zu „Es darf auch weniger sein“ werden und ist dann immer noch gut.

Handlungsleitend sollte auch die Frage sein: Ist das, was ich tue, mit dem oder der jeweiligen Bewohner*in abgestimmt und entspricht es dem, was diese*r möchte? Der oder die Bewohner*in sollte jeden Tag nach seinen bzw. ihren Wünschen und Bedürfnissen gepflegt werden – die pflegerischen Interventionen können aber auch aufgeteilt werden. Das Soll steht für das Ergebnisziel, den gewünschten Zustand bei reibungslosen Abläufen, und steht damit in engem Zusammenhang mit der Ergebnisqualität. Die Priorisierung dient als Vorgehensziel, um dieses Soll zu erreichen.

Variablen identifizieren und nutzen: Versorgungszeit und Doku

Nehmen Sie auch die Versorgungszeit als Variable in den Blick und fragen Sie sich, ob diese überhaupt passend ist. Hier wird oft zu Unrecht ein Muss in der Uhrzeit gesehen – mehr Spielraum ist möglich. Die Versorgung muss nicht um 7.00 Uhr stattfinden. Sie kann auch erst um 11.00 Uhr stattfinden, wenn der oder die Bewohner*in dies womöglich sogar bevorzugt. Hilfreiche Ansätze sind hier folgende: Die jeweils richtige, passende Pflege muss nicht immer am Morgen erfolgen. Die passende Zeit muss aber immer mit dem oder der Bewohner*in abgestimmt werden. Die Pflege muss im Laufe des Tages erfolgen. Die Uhrzeit kann aber auch hinter dem Mittagessen liegen.

Hinsichtlich der Pflege ist auch zu bedenken, dass ein Muss den oder die Bewohner*in oftmals bevormundet. Das entscheidende Muss besteht in der aktiven Einbindung: Das „Wie“ und „Wann“ einzelner pflegerischer Tätigkeiten liegt in der Entscheidungshoheit des oder der Pflegebedürftigen. Der Tag kann immer vollständig zur Pflege genutzt werden. Richtig umgesetzt erhöht das die Zufriedenheit der Bewohner*innen und gibt enorme zeitliche Ressourcen frei.

Bei den weiteren Tätigkeiten neben der Pflege lässt sich unterscheiden: Pflegebezogen ist vor allem die Dokumentation. Oft entfällt deutlich zu viel Zeit auf die Dokumentation, wenn bei den Pflegefachkräften Unsicherheit besteht, welche Abweichung nun wirklich relevant und dokumentationswürdig ist. Sie möchten dann lieber zu viel als zu wenig dokumentieren. Deshalb ist es ein Muss, klare Richtlinien für die Doku aufzustellen und ihnen diese Unsicherheit zu nehmen. Außerdem ein Muss: die zeitnahe bzw. unmittelbare Dokumentation. Diese bietet eine enorme Zeitersparnis, weil die Pflegekraft ihre Tätigkeiten nicht auch noch in der eigenen Erinnerung behalten und verwalten muss. Außerdem ist dieses evidenzbasierte Arbeiten deutlich genauer.

Pflegefremde Tätigkeiten in die Betreuung einbinden

Pflegefremd sind Tätigkeiten wie das Wäsche auffüllen, Bestellen von Inkontinenzmaterial, Betten beziehen, Betten auswaschen, etc. Diese sind zwar auch erst einmal ein Muss, aber zu gegebener Zeit ist es eine Option, dass daraus ein Kann wird. Hinterfragen Sie Routinen: Müssen diese Tätigkeiten in der Hochbelastungsphase am Morgen ausgeführt werden? In der Regel nicht. Hier sollte ein Plan dazu erstellt werden, wann und an welchen Tagen diese Tätigkeiten ausgeführt werden sollen. Meistens kann das nach der Pflege sein.

Wenn genügend Zeit vorhanden ist, kann aus den einzelnen Tätigkeiten auch ein Betreuungskonzept werden. So können Bewohner*innen z. B. dabei helfen, Wäsche einzuräumen, wenn sie dies möchten und Freude daran haben. Eine solche Einbindung wäre dann als Soll anzusehen, weil es die Zufriedenheit der Bewohner*innen und damit die Ergebnisqualität steigert. Sind aber zeitliche Ressourcen an einem Tag mal knapp, wird dies zu einem Kann.

Die Betrachtung entlang der Priorisierung nach Muss, Kann und Soll hilft u. a. dabei, Klarheit über die praktizierte Aufbau- und Ablauforganisation zu erhalten und Belastungsfaktoren zu identifizieren. Die häufig erstmalige Visualisierung von Tätigkeiten und die entsprechende Zuordnung zu Tätigkeitsbeschreibungen und einer Priorisierung öffnet vielen Pflegekräften die Augen. Die Differenzierung der Tätigkeiten und der Umgang damit können außerdem zu einer höheren Agilität führen. Dies hilft, ein tragfähiges Ausfallmanagement zu etablieren und so auch in Zeiten von (Personal-)Krisen alle Abläufe und damit eine gute Pflegequalität zu sichern.

Text: Ute Cichos/Linda Englisch
Bild: © REDPIXEL/Adobe Stock

Ute Cichos

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